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Haus Schlesien, 01.10.2006
Mein lieber Papa,
heute schreibe ich Dir einen Brief.
Hier im Haus Schlesien sind wir alle, denen Du etwas bedeutest, zusammengekommen. Es sind vor allem liebe Verwandte und liebe Freunde. Leider kann der einzige Freund, der Dich noch kennt -Wolfgang Schade- aus Altersgründen nicht dabei sein. Dein 120. Geburtstag steht bald an und wir alle denken an Dich. Es ist sehr modern geworden hohe Geburtstage bedeutender Persönlichkeiten stilvoll zu begehen, so wie wir es heute auch tun. Ich soll etwas aus Deinem Leben erzählen, darum versuche ich mich zu erinnern, wie es war, als ich noch Deine kleine Tochter Bärbel war.
Es ist nicht so schwer, denn ich denke oft an Dich, und meine liebe Mama hat auch die Erinnerung wach gehalten- und Deine Bilder! Durch sie sprichst Du zu mir, bist mir ganz nahe. Ich sehe Dich in Deinem grüngemusterten Tweedanzug mit Knickerbocker, Hut oder Mütze auf dem Kopf und in der Hand die unvermeidliche Zigarre.
So gingen wir auf Reisen mit dem Wohnwagen und irgendwo, wo es halt schön war, konnten wir uns niederlassen. Die Genehmigung dazu holtest Du schnell ein. Eine Zigarre, ein Schnäpschen mit dem Bauern oder Förster- schon war der Kontakt geknüpft. Nach einigen Tagen ging es weiter zu anderen Motiven, der Wagen voller Bilder und Skizzen. Da wurden schon mal die Ferien überzogen und ich ging in eine Dorfschule für kurze Zeit. Zurückgekehrt in die Breslauer Atelierwohnung entstanden die schönen Bilder. Es faszinierte mich, wie so ein Bild entsteht. Die Grundierung, dann die Umrisse und Pinselstrich für Pinselstrich kam so ein sonnig strahlendes Bild zustande. Ich habe oft ganz still dabeigesessen.
Es waren nicht nur Landschaften aus dem heimatlichen Schlesien, die Du maltest, ebenso Arbeiter in den Oberschlesischen Hütten und im Kohlerevier. Oder eine Lokomotive, die gerade aus dem Bahnhof herausfährt und immer wieder hast Du Deine Familie porträtiert. Da sind Baby- und Kleinkindportraits von Eurem Söhnchen Karl Klaus, der leider so früh verstarb. Danach mußtest Du Dir die Trauer um den kleinen Sohn von der Seele malen in dem Bild „Am Totenbett“. Auch von unserer Mutter Maria sind wunderbare Bilder vorhanden. Bevor Du eine Familie hattest, warst Du in der Welt unterwegs. Hast die alten Holländer studiert, maltest in Spanien Zigeuner, hast Dich mit Ringern und Boxern gemessen und Stierkämpfer wurden Deine Freunde. In Madrid wurdest Du Dozent an der Kunstakademie und Azalejas, der liberale Ministerpräsident, verlieh Dir den Professorentitel. Auch er wurde von Dir porträtiert und es gab noch einen hohen spanischen Orden.
Auf der Künstlerweltreise mit einigen Kollegen auf einem Segelschiff lerntest Du Kapitän Nixe und seine Tochter Maria kennen. Maria wurde bald Deine Frau. Kapitän Nixe erlitt Schiffbruch in den schwedischen Schären und ertrank.
Die Inflation ließ auch die Künstlerweltreise nach schon zwei Jahren enden. Ihr kehrtet nach Breslau zurück. Hier wurde die Malschule gegründet, welche – wie ich gehört habe - von wohlhabenden Damen besonders frequentiert wurde. Deine Arbeiten wurden immer bekannter. Es gab viele Auftragsarbeiten von verschiedenen Behörden und Institutionen, auch die Lufthansa gehörte dazu. Und als Portraitist warst Du sehr beliebt in allen gesellschaftlichen Schichten. Eigentlich kann ich nur sagen: Du maltest alles, was Dir gefiel und oftmals ganz spontan. Das konnte ein Korb voll eben gesammelter Pilze sein, oder einige Blumen. Ebenso wie Deine Frau mit ihrem kleinen Kind, ob im Himmelbett oder beim Spielen auf der Wiese. Von den vielen, vielen Gemälden sind uns und unseren Freunden nur diese 37 (plus zwei Bilder im Nationalmuseum Breslau) hier gezeigten geblieben. Manch ein Schatz mag noch im Verborgenen ruhen, sicherlich einige im heute polnischen Ostgebiet.
Ja, mein lieber Papa, ich war 11 Jahre alt, als am 3. Februar 1939 für Deine kleine Bärbel die unbeschwerte Kindheit vorbei war. Das Unfaßbare eintrat, der überaus geliebte Papa war tot. Es folgten die Kriegsjahre, vieles änderte sich. Dann das Kriegsende. Meine Mutter und ich kehrten nach Eichgrund zurück, arbeiteten bei Russen, sprich Rote Armee, konnten dort im Hause verbliebene Bilder lagern und sie so als unser Eigentum mitnehmen als wir 1947 Eichgrund und Breslau verlassen mußten. Schließlich fanden wir im westlichen Deutschland eine neue Heimat.
Nach all den Jahren habe ich es mir zur Aufgabe gemacht Deine Kunst, Deine Werke nicht ins Vergessen geraten zu lassen. Zu Deinem 100. Geburtstag habe ich mit Hilfe meines Mannes Horst die 1. kleine Ausstellung bei uns in Schenefeld zeigen können. Bald folgte eine Ausstellung hier im Haus Schlesien. Danach bemühten wir uns in Breslau, man war im Generalkonsulat von der Idee die Bilder in der alten Heimat zu zeigen sehr angetan, nur das Geld war knapp, wenn es um Kunst geht. Es gelang also nicht. Mit Hilfe von Herrn Dr. Kaiser wird heute in diesem schönen Rahmen eine Ausstellung mit den verbliebenen, erreichbaren Bildern eröffnet. Zu Deinem 120. Geburtstag soll an den großen Künstler und heimatverbundenen Schlesier Artur Wasner erinnert werden. Ich bin mir sicher, Du wirst auch von den nachfolgenden Generationen nicht vergessen, denn selbst Deine Urenkelin Maria hat in der Schule ein Referat über Artur Wasner gehalten. Wenn nun die jüngeren Verwandten und Freunde diese Ausstellung sehen, die einen guten Querschnitt durch Deine Schaffensjahre zeigt, werden sie die Kunst erkennen und die Bilder in ihren Familien erneut wertschätzen.
Sehr glücklich über das Gelingen dieser Ausstellung ist Deine Tochter Barbara
Mein herzlicher Dank gilt allen, die zum Gelingen beigetragen haben, besonders Herrn Dr. Kaiser und seinen Mitarbeitern, allen Verwandten und Freunden, die bereitwillig ihre Bilder zur Verfügung stellten und zu Hause für einige Zeit Löcher an den Wänden haben!
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