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Zum ewigen Gedächtnis. Schlesische Grabkunst sorgt im Kloster Leubus für neues Leben
Wer hat nicht schon alles von ewigem Ruhm geträumt ? Künstler und Politiker wollten der Nachwelt präsent bleiben und manchen ist es auch verdientermaßen oder sogar zu unrecht gelungen. Doch das ewige Gedächtnis war im Mittelalter und der frühen Neuzeit keine profane Selbstdarstellung. Die Darstellung über den eigenen Tod hinaus galt der Vorbereitung auf das ewige Leben. Denn zwischen irdischem Tod und himmlischer Auferstehung lag das jüngste Gericht. Und da dieses zu einem unbekannten Zeitpunkt stattfand, so war doch das irdische Gebet nötig und als Fürbitte möglicherweise hilfreich. Die protestantische Lehre der Reformation modifizierte solche Ansichten, hob sie aber gar nicht auf. Denn gute Taten zu Lebzeiten wurde vielmehr eine noch größere Rolle zuerkannt. Die Prädestinationslehre meinte gar, daß nur irdische Wohltaten das Seelenheil ermöglichten, man auf Buße oder Verzeihung für weltliche Unterlassungen also nicht rechnen dürfe. Was ist voll all dem geblieben in einer säkularisierten Zeit und nach vielen Epochenwechseln ? Und was hat diese Vorrede überhaupt mit Schlesien zu tun ?
Mit der neuen landeskundlichen Ausstellung „Zum ewigen Gedächtnis“ nimmt sich das Museum für schlesische Landeskunde aus Königswinter nunmehr im ehemaligen schlesischen Zisterzienserkloster Leubus an der Oder (Lubiąż) einem spannenden Thema an.
Viele verborgene Kulturdenkmäler hat diese östliche Kulturlandschaft zu bieten. Zu den fast unbekannten Kunstschätzen landesweit Hunderter von Kirchen gehören prachtvolle Grabdenkmäler. Schon die piastischen Landesherzöge stifteten Klöster. Dort fanden sie ihre standesgemäße Grablege. Bekannte figürliche Tumbengräber gibt es noch in Grüssau oder Trebnitz. Eine bedeutende gotische Grabkapelle aus dem 13. Jahrhundert besitzt auch Leubus. Boleslaus III. ruhte dort bis 1945, wurde dann geschändet und zu Beginn der 1970er Jahre zusammengeflickt ins Breslauer Nationalmuseum verbracht. Dort steht seine Tumba neben Heinrich IV. Probus, dem Breslauer Piastenherzog. Jeden Abend bei Museumsschließung kommen die Aufseherinnen und decken die Figurengrabmäler mit weißen Leinentüchern zu. Besser läßt sich die Ruhe einstiger Größen nicht versinnbildlichen. Weitere große und bedeutende Grabstätten aus ausgesucht edlen Materialien lassen sich für die Bischöfe im Breslauer Dom und der Neisser Jakobuskirche bewundern.
Es liegt nahe, daß mit dem Humanismus und gefördert durch die Reformation auch der ländliche Adel an standesgemäße Grabdarstellungen dachte. Die einfache Grabplatte mit Wappen oder Inschrift reichte nicht mehr aus, sich ins rechte Licht zu setzten. Nun muß mach sich in Erinnerung rufen, daß der Adel bis zur Mitte des letzte Jahrhundert oft das kirchliche Patronat inne hatte. Viele entlegene Landkirchen vermitteln den Eindruck davon bis heute einen Eindruck, so durch die Patronatsloge und eben auch durch reich ausgestattete Mausoleen. Wer kennt schon Nieder Baumgarten /Sady Dolny im jetzigen Kreis Jauer, wo 19 Grabplatten der Familie von Tschirnhaus rund um den Altar stehen, oder Silbitz/ Zelowice im heutigen Kreis Strehlen, wo der historisch sachkundige Erbauer, beim preußischen Hofe maßgeblich um den Wiederaufbau der Burg Hohenzollern bemüht, seine Ahnen aus ganz Schlesien „zusammenkaufte“ ?
Über 1.000 und vielleicht gar 1.500 ganzfigurige Epitaphien aus Sandstein haben sich in Schlesien erhalten. Abhängig vom Aufbewahrungsort ist der Erhaltungszustand. Teilweise sind die großen aufrecht stehenden Platten noch farbig gefaßt und in schmuckvollen Rahmen anzutreffen. Die meisten stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Frauen sind in der Mode der Renaissance und Männer in Rüstungen dargestellt. In einigen Fällen, so bei den Wandfigurenepitaphien von Mondschütz/ Mojecice (Kreis Wohlau), Seifersdorf/ Rosochata (Kreis Liegnitz) oder Stephansdorf/ Szczepanow kennen wir auch die ausführenden Künstler. Es waren namhafte Steinmetzmeister, die für viel Geld dem Adel und Bürgertum zu Diensten waren. Schließlich sorgte auch das städtische Bürgertum für seine standesgemäße Erinnerung.
In der Regel wurden lebensgroße figurative Darstellungen in halbplastischer Form geschaffen. Die einstige Liegefigur stand nun und wurde an der Wand im Innenraum angebracht. Doch auch Wandfigurenepitaphe mit zahlreichen biblischen Szenen entstanden. Besonders Obergläserdorf/ Sklarny Gory im Kreis Lüben ist ein Beispiel, wie das Motto der Ausstellung die damalige Gedankenwelt prägte. Zu beiden Seiten des Altarraumes sind dort zusammen 17 Grabplatten von zwei Familien aus drei Generationen angebracht. Diese Präsentation, die es ähnlich in Stuttgart gab, läßt die Verstorbenen quasi tagtäglich am Gottesdienst teilnehmen. Diese plastische Manifestation gedachter und erinnerlicher Anwesenheit markiert die Hoffnung auf das Jenseits und zugleich auch die Heilsgewißheit. Es verwundert darum nicht zu erfahren, daß die Grabmäler schon zu Lebzeiten angefertigt und aufgestellt wurden. Auf eine physiognomische Ähnlichkeit kam es wohl nicht an, eher schon auf angemessene Attribute. Wer also einen höheren militärischen Rang hatte, dessen Attribute erscheinen auf dem Epitaph. Mit sicherem Blick können auch Jungfrauen, junge Edelmänner mit Studien an entfernten Universitäten oder verwitwete Ehefrauen erkannt werden. Aber wer wußte bisher von diesen Schätzen, vielfach mit den recht schwer verständlichen und durch Verwitterung noch schwierigere zu entziffernden altdeutschen Inschriften ?
Die neue Ausstellung macht mit besonderen Erinnerungsstätten bekannt. Quer durch Schlesien wurden Hunderte von Grabstätten aufgesucht und fotografiert. Eine Auswahl wichtiger Kirchen und ihrer Grabdenkmäler wird nun in Leubus der Öffentlichkeit geboten. Zwar konnten keine Gräber im eigentlichen Sinne, nicht mal die immer stellvertretend angebrachten Grabplatten transferiert werden, aber es gibt heute andere gestalterische Mittel für eine neue und erneute Stellvertretung. So vermitteln große bedruckte Metallstelen mit Sandsteinsockeln die Aura gehaltvoller Kunstfertigkeit. Die Impressionen animieren zu eigenen Besuchen. Solche Impulse, den Zeugnissen aus zurückliegenden Jahrhunderten zu begegnen, helfen bei der Bewahrung kulturellen Erbes. In Leubus bietet sich dem Reisenden eine besondere Darstellungsform, ja ein neuer vermittelnder Zugang zur Landeskunde. Ostdeutsche Museen in Deutschland haben immer ihre Schwierigkeit bei der Vergegenwärtigung, denn alle Kunst beläßt die räumliche Entfernung. Das schafft Distanz, auch wenn aktuelle Gegebenheiten einbezogen werden. In Leubus ist das anders. Ob Bewohner aus dem Umfeld oder weitgereister Besucher, jeder kann die Ausstellung als Anreiz zu unmittelbaren eigenen Erkundungen nutzen. So wurden für die Ausstellung gezielte Leitobjekte ausgewählt, die bei der An- und Abreise auch zu passieren sind. Es liegt also beim aufmerksamen Besucher schon auf der Route zur Ausstellung sich ein eigenes Bild zu machen, oder – was eher der Fall sein wird – durch die Ausstellung angeregt und in der Erkenntnis geschärft, bei der Weiterreise genauer vor Ort hinzusehen und Aufmerksamkeit walten zu lassen. Diese Abfolge nimmt Informationen aus der Landschaft und weist auf diese zurück. Weitergehende Überlegungen gehen dahin, in einem zweiten Schritt bei den ausgewählten Leitobjekten ebenfalls erläuternde Tafeln anzubringen, die zugleich einen Hinweis auf die Ausstellung in Leubus bieten. Wenn dies gelingt, dann wird eine weitere Dimension dieser Route durch Kunst, Geschichte und Gegenwart Schlesiens geboten. Doch Wohl und Wehe liegen oft beisammen und die denkmalpflegerischen Probleme Schlesiens sind vielfach beklagt worden. Somit gibt die Ausstellung einen aktuellen Zustandsbericht. Wenn die Wahrnehmung also verstärkt wird, dann soll sie die Hoffnung nähren, dem „ewigen Gedächtnis“ einen neuen Schub oder damit weitere Zukunft zu verschaffen. Von altersgemäßer Morbidität, modernistischer Verhüllung bis schauriger Rumpelkammer reicht das Spektrum, wie mancherorts die ehrwürdigen Denkmäler angetroffen wurden. Solche Hinweise mögen hier genügen, bleiben in der Ausstellung ausgespart und sind ohnehin besser selbst zu erfahren.
Wenngleich die Zeit zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg die meisten und interessantesten Beispiele an erhaltener Grabkunst hervorgebracht hat, das Thema ist im Untertitel weiter gefaßt und wird auch breiter dargestellt. Somit kann die Ausstellung beispielsweise auch Informationen über das Bestattungswesen im städtischen und ländlichen Bereich geben.
Das landeskundliche Informationsangebot zu Niederschlesien wird mit dieser thematischen Präsentation in Schlesiens größter und ältester Klosteranlage erneut erweitert. Zu sehen sind in Kloster Leubus weiterhin die Abteilungen schlesische Reisegeschichte, Flußgeschichten an der Oder und Kulturgeschichte des Zuckers. Sämtliche Informationen werden natürlich zweisprachig geboten. Spezielle Informationen und insbesondere auch Kontaktadressen für Besuche der kirchlichen Leitobjekte werden im Internet unter www.hausschlesien.de/leubus bereitgestellt.
Ausgerichtet wird auch diese Ausstellung vom Museum für schlesische Landeskunde im HAUS SCHLESIEN, das sich seit dem Jahr 2000 als deutscher Partner in Leubus engagiert. Seither hat sich das inhaltliche Angebot in Leubus in 11 Sälen und drei Korridoren auf über 1.200 qm großflächig erweitert. Zusammen mit dem herrlichen Fürstensaal sind damit immerhin 10 % Nutzungsfläche des großen Baukomplexes den Besuchern zugänglich. Die Ausstellung wird erneut vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.
Dr. Stephan Kaiser
Dieser Beitrag erschien in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, Bonn, Nr. 1220 vom 10. Mai 2006, S. 6-8
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