Archiv 2003

Ländliche Idylle auf schlesischen Landsitzen
AUSSTELLUNG Im Haus Schlesien sind noch bis Juni Grafiken von Alexander Duncker zu sehen

HEISTERBACHERROTT. Über mangelndes Interesse konnte Stephan Kaiser, der Direktor des Museums für schlesische Landeskunde im Haus Schlesien in Heisterbacherrott in den vergangenen Tagen nicht Magen. Zahlreiche Besucher strömten bereits am Sonntag in den Eichendorff-Saal, um seine Einführung zur ersten großen Sonderausstellung des Hauses in diesem Jahr mitzuerleben. 64 Ansichten von Schlössern und Herrenhäusern, vornehmlich aus Niederschlesien, der heutigen Woiwodschaff Dolno Slask, vermitteln eindrucksvoll eine ,,Ländliche Idylle".
Entnommen sind sie dem monumentalen Ansichtenwerk von Schlössern des preußischen Adels, das der königliche Hofbuchhändler Alexander Duncker (1857-83) in Berlin herausgab. Mit 227 Landsitzen ist die Provinz Schlesien unter den insgesamt 960 Lithographien am häufigsten vertreten.
Die Ansichten zeigen die Besitzungen einer herrschenden Schicht Mitte des 19. Jahrhunderts, die fern der Städte lebte. Sie fügen sich zu einer trügerisch idyllischen Scheinwelt", erklärte Kaiser. Dies wird vor allem an der Personenstaffage in den Gärten und Parkanlagen deutlich, bei denen man den Leitbildern etwa des Königlichen Gartenbaudirektors Peter Josef Lenne' folgte.
Zylindertragende Herren führen in der Ansicht von Kratzkau ihre Pferde am Zügel. In Nieder-Schüttlau wird auf der Veranda gespeist, während man das gute Wetter in Deutsch-Järgel zu einer Kahnfahrt auf dem Schlossteich nutzt. Überhaupt scheint bei den Grafikern ständig ideales Gartenwetter zu herrschen, so dass es ausreichend Gelegenheit gibt, die von Schwänen und Pfauen belebten Gärten und Parks zu nutzen.
Selbst auf dem einzigen Winterbild, dem von Chudow, werden auf dem zugefrorenen Schlossteich schlittschuhlaufende Kinder dargestellt. ,,Als ländliche Idylle fügen sich die Ansichten zu einem idealisierten Landleben zusammen, das scheinbar stimmig und frohgemut, jenseits einer anstrengenden, landwirtschaftlich geprägten Wirklichkeit zu verlaufen scheint", interpretierte Kaiser die Darstellungen in seinem Diavortrag.
So sind die Ansichten einerseits Zeugnis einer vergangenen Zeit. Andererseits zeigen sie aber auch detailgenau Schlösser und Landsitze in der Stilmixtur des Historismus. Die den Lithographien beigefügten Textblätter tragen darüber hinaus mit ihren sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Informationen viel zum Zeitverständnis bei. So präsentiert das Museum mit den Ansichten von Duncker Auszüge einer kultur- und regionalhistorisch bedeutsamen Sammlung.    khd                              ________________________________________________________ __________   Die Ausstellung ,,Ländliche Idylle. Schlesische Schlösser im Ansichtenwerk von Alexander Duncker" ist in Haus Schlesien, Dollendorfer Straße 412, noch bis Sonntag, 8. Juni; dienstags bis samstags von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr sowie sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Weitere Informationen, auch zu Gruppenterminen, unter 022 44/88 60, per Email: museum@hausschlesien.de oder auf der homepage: www.hausschlesien. de.

Quelle: General-Anzeiger vom 12.03.2003