Archiv 2004

Schlesiens Botschaft im Westen
Im Gespräch: Reinhard Blaschke, Präsident des Vereins Haus Schlesien

Mit Reinhard Blaschke, der am 15. September seinen 70. Geburtstag feiern konnte, sprach Alfred Theisen.

Das HAUS SCHLESIEN wurde zu Beginn der 70er Jahre als Kultur- und Begegnungszentrum der vertriebenen Schlesier zu einer Zeit gegründet, als Schlesien noch im sowjetischen Machtbereich lag und auch im damaligen Westdeutschland tabuisiert wurde. Hat diese Einrichtung HAUS SCHLESIEN nach den revolutionären Umbrüchen des Jahres 1989 und der Wiedergeburt Schlesiens an Oder und Neiße mit einem Teil Schlesiens in der Bundesrepublik Deutschland nicht an Bedeutung eingebüßt, droht sie nicht gar überflüssig zu werden?

Ganz und gar nicht. Eine Einrichtung wie das HAUS SCHLESTEN, die über die Geschichte und den kostbaren Kulturschatz einer jahrhundertealten Landschaft informiert und diese pflegt, erfährt in den letzten Jahren zunehmend an Beachtung nicht nur in Deutschland und hat eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, den nötigen Informationsprozess in einem zusammenwachsenden Europa zu gestalten.
Als die Gründer den Verein HAUS SCHLESIEN 1973 gegründet haben, war der Standort dieses Kultur- und Begegnungszentrums noch gar nicht klar. Erst 1978 fand man nach langer bundesweiter Suche einen alten, verfallenen Fronhof im Siebengebirge in unmittelbarer Nähe zur Bundeshauptstadt Bonn und ging ans Werk. In vielen Stunden des persönlichen, physischen und finanziellen Engagements haben tausende von Schlesiern über eine Spanne von vielen Jahren diese beeindruckende Immobilie mit Leben erfüllt und den Schlesiern ein Stück Heimat im Westen des Landes gegeben.

  • Viele aktuelle Aufgaben

Mit der Renaissance, die die Region Schlesien heute in den Köpfen der Bevölkerung wieder erlebt, stellen wir fest, dass der Zahn der Zeit natürlich auch beim Allgemeinwissen der jungen und mittleren Generation in Deutschland genagt hat. Viele Informationen, die vor 20 oder 30 Jahren noch nicht gegeben werden mussten, werden heute abgefragt, und viele jüngere Leute vor allem interessieren sich nun verstärkt für die Spuren ihrer Väter oder Großväter im alten deutschen Osten. Dem HAUS SCHLESIEN kommt dabei eine große Aufgabe bei der Kommunikation zu den Partnern und Freunden im heutigen Schlesien zu. Das Aufgabenspektrum, das das HAUS SCHLESIEN im kulturellen und historischen Bereich zu erledigen hat ist sehr groß. Angefangen von Anfragen aus Kanada oder Australien, die die Familienforschung beinhalten, bis hin zu Hilfestellungen unserer Museumsmitarbeiter bei Dissertationsarbeiten von Studierenden. Auch von polnischen Universitäten in Schlesien erreichen uns immer öfter Anfragen zur Hilfestellung bei Recherchearbeiten.
Weiter gilt es, schlesische Kunstgegenstände zuzuordnen, Kontakte nach Schlesien zu knüpfen, Auskünfte zu historischen Begebenheiten an schlesischen Stätten zu erteilen sowie bildungspolitische Seminare durchzuführen. HAUS SCHLESIEN pflegt entsprechend seiner Satzung erfolgreich Völkerverständigung, insbesondere zu unseren östlichen Nachbarn.
Das allein soll und muß Grund genug sein, die Bedeutung dieses Hauses nicht in Frage zu stellen.

Wie entwickelt sich das Museum für schlesische Landeskunde im HAUS SCHLESIEN? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Schlesischen Museum zu Görlitz und anderen schlesischen Kultureinrichtungen?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich halte es für naheliegend, dass seit der Wende eine Reihe schlesischer Aktivitäten am Standort Görlitz entstanden sind. Görlitz ist ein Stück Niederschlesien in Deutschland und sollte seine schlesische Identität schon pflegen, auch wenn es die „jüngste Region" in der Kulturlandschaft Schlesiens ist, da es erst 1815 dazu kam. Wenn ich aber gleichzeitig die Bedeutung von Haus Schlesien mit seiner Lage im Westen unseres Landes für die Erhaltung und Pflege des schlesischen Kulturerbes hervorhebe, so ist das kein Widerspruch gegen den Standort Görlitz, sondern Ausdruck meiner Überzeugung, dass wir beides brauchen. Der größte Teil der vertriebenen Schlesier lebt nun einmal mit seinen Familien und Nachkommen hier in Westdeutschland.
Die Erlebnisgeneration der Schlesier wird weniger. Wir konnten im Haus Schlesien in den letzten Jahren aber feststellen, dass sich nicht nur Menschen, die in Schlesien geboren sind, für Schlesien und dessen Landschaft und Kultur Interesse zeigen. Also kommt es darauf an, die nicht in Schlesien geborenen Menschen zu interessieren und zu erreichen. Und das wiederum erfordert die überzeugende Präsenz auch an anderen Standorten als nur in Görlitz. Eine Vielfalt wirkt hier also durchaus bereichernd und ist absolut sinnvoll. Im übrigen wäre die Preisgabe von HAUS SCHLESIEN selbst ein Verlust von schlesischer Kultur, da das HAUS SCHLESIEN mit seiner Art der Präsentation in einer derartigen Vielfalt Themen anspricht, dass diese Mannigfaltigkeit in der Arbeit für Schlesien mit Sicherheit eine große Lücke in der schlesischen Szene hinterlassen würde.

  • Kooperation mit Görlitz

Wir pflegen eine gute Zusammenarbeit mit dem Schlesischen Museum zu Görlitz, indem wir beispielsweise gegenseitig über Wechselausstellungen nachdenken und museale Exponate austauschen werden.
Das Museum für schlesische Landeskunde im HAUS SCHLESIEN erfreut sich zunehmender Beliebtheit, nicht zuletzt deshalb, weil wir uns um sehr abwechslungsreiche Themen in der Präsentation von Ausstellungsvorhaben oder Vorträgen bemühen. Gerade jetzt in diesen Tagen findet die 200. Ausstellung im HAUS SCHLESIEN statt, die das HAUS SCHLESIEN seit seinem Bestehen organisiert und durchführt. Zum Thema ,,Schlesisches Silber~ zeigen wir bis zum ~2. Dezember 2004 Schätze der Silberwarenfabrik Lemor aus Breslau. Die große Zahl der im HAUS SCHLESTEN durchgeführten Ausstellungen ist im übrigen auf unserer Internetseite aufgelistet.
Das Museum für schlesische Landeskunde im HAUS SCHLESIEN macht ja selbst nur einen Teil der vom Haus durchgeführten Aktivitäten aus. Gleichwohl bestechen unsere Aktivitäten durch besondere Auswahl der Themen mit einer sehr detaillierten Vorbereitung durch unsere Museumsmitarbeiter unter der bewährten Leitung unseres Museumsdirektors Dr. Stephan Kaiser.
Den Erfolg von Museumsarbeit nach der Anzahl der Besucher oder gar finanziellen Einnahmen zu bemessen, ist ein schweres Unterfangen und gibt oft ein verzerrtes Bild wider. Wir messen den Erfolg unserer Arbeit an den vielen Rückfragen und der intensiven Kommunikation, die sich aus unseren Vorhaben mit interessierten Mitgliedern und Freunden unseres Hauses ergeben, auch von Freunden, die nicht nur in Deutschland ihren Wohnsitz haben. Hierzu zählen wir im übrigen auch die Bundesregierung, die uns mit ihrer jährlichen Grundförderung dankenswerterweise überhaupt eine Chance gibt, dass wir uns in dieser Form darstellen können.

Welche Aktivitäten konnten im heutigen Schlesien entfaltet werden? Wie verläuft die Zusammenarbeit mit polnischen Stellen ?

Das Engagement des Vereins HAUS SCHLESIEN hat in den letzten Jahren in Schlesien selbst zunehmend an Bedeutung gewonnen. Hierbei sind im wesentlichen drei Komplexe zu unterscheiden:
Seit einigen Jahren hat sich die Zusammenarbeit mit unseren musealen Partnern - vornehmlich im niederschlesischen Raum - stark fortentwickelt und in vielen Einzelvorhaben konkretisiert. Partner wie das Regionalmuseum in Jauer, die Museen in Hirschberg, Liegnitz und Grünberg, aber auch zahlreiche andere Einrichtungen arbeiten offen, kooperativ und freundschaftlich mit uns zusammen. Dabei ist vor allem festzustellen, dass die ehrliche Bereitschaft der polnischen Partner, die deutsche Geschichte ihrer Region entsprechend darzustellen, heute selbstverständlich ist.

  • Aktiv im polnischen Schlesien

Ein besonderes Engagement unseres Hauses finden Sie in der großen Klosteranlage Leubus an der Oder wieder, wo HAUS SCHLESTEN mittlerweile eine Dependance aufbauen konnte, die in der Nutzfläche die Museumsfläche von HAUS SCHLESIEN übersteigt.
Das ehemalige Zisterzienserkloster Leubus ist nicht nur eine der herausragenden Stätten Schlesiens, sondern es stellt vor allem eine Stätte dar, die geradezu nach Engagement und Aktivitäten ruft, denn dieser riesige Gebäudekomplex wurde in den letzten Jahren etwas stiefkindlich behandelt. Im Kloster Leubus präsentiert das Museum für schlesische Landeskunde in den Räumen der Prälatur Ausstellungen zu landeskundlichen Themen. Jüngst wurde dort im Mai 2004 die Ausstellung zu „Schlesien als Reiseland" eröffnet, die bis zum Mai des Jahres 2005 zu sehen ist. Wir sind fest davon überzeugt, dass diese Ausstellungstätigkeit - insbesondere in dieser bedeutungsvollen Stätte „Kloster Leubus" - die deutsch-polnische Verständigung auf der Basis historischer Erfahrungen fördert. Nicht zuletzt stehen diese Ausstellungen unter öffentlicher Schirmherrschaft aus Deutschland und Polen. Unser Engagement, das wir im Jahr 2000 beginnen konnten, hat auch bei den maßgeblichen Stellen der Bundesregierung Interesse gefunden und führte zu einer bislang anerkennenden Unterstützung unserer kulturellen Vorhaben in Schlesien vor Ort. Unsere Arbeit im Kloster Leubus ist vertraglich mit den polnischen Partnern, vereinbart und abgesichert.
Als weiteren Komplex einer guten Zusammenarbeit mit Partnern in Polen und Tschechien müssen an dieser Stelle unsere verständigungspolitischen Maßnahmen mit Schülern und Studenten der Germanistik und der Geschichte genannt werden. Bereits im Jahr 1996 hat der Verein HAUS SCHLESIEN - noch lange, bevor andere davon sprachen - die Verständigung mit jungen Menschen aus den Heimatregionen praktisch in die Tat umgesetzt. Jedes Jahr kommen einige Gruppen aus Nieder- und Oberschlesien und dem schlesisch-mährischen Raum in das HAUS SCHLESIEN in der Regel zu einwöchigen Studienaufenthalten, um sich dort mit den Fragen um das deutsch-polnische Verhältnis und die deutsch-polnische Geschichte zu beschäftigen. Bei diesen mehrtägigen Seminaren, an denen im Schnitt zwischen 30 und 40 Personen teilnehmen, werden u.a. auch kritische Fragenkomplexe beantwortet und gemeinsam besprochen, die natürlich nicht frei von Emotionen sind. Wir haben dabei festgestellt, dass das Interesse der jungen Menschen, die heute in Schlesien leben, ein ungebrochen großes ist und vor allem ein ehrliches Interesse.
Mich faszinieren am meisten die exzellenten Deutschkenntnisse der jungen Polen und jungen Tschechen, die an viele Fragen ohne Vorbehalte und ohne vorgefertigte Meinungen herangehen. Wir meinen, dass wir mit dieser Art der Kommunikation über die Grenzen hinweg auf diesem Weg mit dazu beitragen können, dass das Verhältnis mit unseren östlichen Nachbarn weiterhin eine vertrauensvolle Grundlage gewinnt. Die jungen Studenten von heute sind Multiplikatoren in ihren Funktionen von morgen und werden die guten Erfahrungen, die sie im HAUS SCHLESIEN mit den Schlesiern und ihren Anliegen gemacht haben, hoffentlich entsprechend weitergeben können. Diese verständigungspolitische Bildungsarbeit wird im übrigen vom Bundesminister des Innern voll und ganz unterstützt, der diese Seminare im HAUS SCHLESIEN durch so genannte Projektfinanzierungen erst möglich macht.

Wird HAUS SCHLESIEN heute mit seinem umfangreichen kulturellen und gastronomischen Angebot auch von der einheimischen Bevölkerung angenommen?

Diese Frage ist mit einem eindeutigen „Ja" zu beantworten. Für den Ortsteil „Heisterbacherrott", der zu der Stadt Königswinter gehört, waren die „Schlesier" in der Tat zu Beginn ihres Wirkens etwas Besonderes. Nicht nur, weil wir mit unserem Standort im Siebengebirge so weit weg von der eigentlichen Heimatregion Schlesien sind, sondern weil die Menschen im Rheinland insgesamt wenig Berührung mit dem Osten Deutschlands hatten. Eine solche „Ansammlung von Schlesiern" im Rheinland war durchaus beachtenswert und machte neugierig.
Zu Beginn haben sich die Schlesier natürlich etwas schwer getan, eine Integration in die einheimische Bevölkerung zügig gewähren zu lassen. Die großen Hoftore des Hauses waren über viele Jahre lang verschlossen und mancher, der am Haus vorbeifuhr, musste den Eindruck haben, dass man dort nur hinein darf, wenn man selbst Schlesier ist oder irgendwie mit der ganzen Sache der Schlesier verbunden ist. Diesen Eindruck und auch diese Entwicklung konnten wir in den letzten Jahren spürbar abstellen und betrachten uns heute als integriert, akzeptiert und - wenn Sie so wollen - auch geschätzt an unserem Standort in Königswinter-Heisterbacherrott. Ja, wir sind auch etwas stolz darauf dass HAUS SCHLESIEN in einem der ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands liegt und landschaftlich eine schöne Erinnerung an unsere Heimat Schlesien vermittelt.
Die Besucherstruktur im HAUS SCHLESIEN stellt sich mittlerweile völlig gemischt dar. Neben den schlesischen Besuchergruppen, die zum schlesischen Klassentreffen, zu Vorträgen, zu kulturellen Veranstaltungen den Weg ins Haus kommen, gibt es mittlerweile viele regionale Besucher, die aus kulinarischen oder kulturellen Gründen den Weg ins HAUS SCHLESIEN finden. Insbesondere unsere Reihe der „Sonntagsvorträge" kommt auch bei der einheimischen Bevölkerung ausgezeichnet an.

Wie sieht die wirtschaftliche Situation in den Bereichen Logis und Gastronomie aus? Wie stellt sich der betriebswirtschaftliche Alltag des Hauses generell dar?

Die Tagungs- und Begegnungsstätte im HAUS SCHLESIEN hat mit vielen Unwägbarkeiten zu kämpfen, die Sie anderenorts nicht vorfinden. Das Haus dient als Tagungs- und Begegnungsstätte, insbesondere der Möglichkeit des Miteinandertreffens im Rahmen der vielfältigen Interessen am und im HAUS SCHLESIEN. Kaum eine Veranstaltung verläuft, ohne dass der kulturelle Rahmen des Hauses von den Gästen entsprechend wahrgenommen wird.
Unsere Gästezimmer verfügen alle über schlesische Städtenamen, die Speisekarte in der Rübezahlstube lädt zu einem kulinarischen Streifzug durch schlesische Gerichte ein. Nicht zuletzt tragen die Säle im Hause alle schlesische Namen von „Eichendorff' bis hin zum Saal „Riesengebirge".
Die Anstrengungen, die für zufriedenstellende Ergebnisse in diesem Segment zu machen sind, dürfen nicht unterschätzt werden. Sie sind enorm, und sie haben vor allem auch mit den Grundlagen und Rahmenbedingungen dieses alten und unter Denkmalschutz stehenden Hauses zu tun.
Alte Gebäude zu pflegen und sie technisch in Ordnung zu halten, bedeutet einen sehr viel höheren Aufwand als eine Neuinvestition vorzunehmen. Das Erhalten des Wohlfühlens in den Gemäuern von HAUS SCHLESIEN in einer schlesischen Atmosphäre ist die eine Seite - die Beachtung der Vorschriften für die erforderliche Technik und Infrastruktur ist die andere Seite. Wir meinen, dass wir im Hause auf einem guten Weg sind, diesen Anforderungen und Ansprüchen gerecht zu werden.

  • Finanzielle Sorgen

In der jüngsten Vergangenheit hatte der Verein HAUS SCHLESIEN mit einer durch Sicherheits- und Brandschutzauflagen verursachten schweren Finanzkrise zu kämpfen. Konnten diese finanziellen Engpässe inzwischen überwunden werden?

Was die Liquidität von HAUS SCHLESIEN betrifft, so konnte diese konsolidiert werden, damit konnte der Klammergriff, verursacht durch das erforderliche Fremdkapital, ein wenig gelockert werden. Es ist richtig, dass die zuständigen Behörden im Jahre 2000 enorme Auflagen im Bereich der Sicherheitstechnik und des Brandschutzes gemacht hatten, die nur zwei Alternativen übrig ließen, entweder Umsetzung oder Schließung.
Die eben von mir erwähnte atmosphärische Ausstrahlung des Hauses muß eben dort Halt machen, wo nach heutigen Standards Sicherheitsleistungen und entsprechende Vorschriften zu gewähren sind. Dem konnte sich auch das HAUS SCHLESIEN nicht entziehen, obwohl wir die eine oder andere Vorschrift als sehr eng ausgelegt betrachteten. Dies half aber nichts im Zwang zur Umsetzung, so dass wir uns nach erledigten Sicherheits- und brandschutztechnischen Auflagen vor einem immensen finanziellen Problem sahen.
Mit der großen Hilfe und der nicht enden wollenden Sympathiewelle unserer Mitglieder und Freunde konnten wir im Jahr 2002 mit Hilfe einer Sonderumlage die Finanzkrise so weit überwinden, dass wir wieder handlungs- und aktionsfähig waren, was jedoch noch lange nicht heißt, dass wir „über den Berg" sind. Die Totalentschuldung des Vereins HAUS SCHLESIEN bleibt oberstes Gebot, dem sich alle wirtschaftlichen und strategischen Überlegungen unterzuordnen haben. Der geplante Verkauf eines Teils unseres Parkgrundstückes zur völligen Konsolidierung und Totalentschuldung steht weiterhin zur Debatte. Aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Situation in Deutschland konnten bis jetzt unsere Zielvorstellungen leider nicht eingehalten werden.

Wird der Verein HAUS SCHLESIEN von der öffentlichen Hand, also z.B. dem Bund, dem Land NRW oder von kommunaler Ebene, weiterhin gefördert?

Ja, dies ist der Fall. Und wir sind auch froh darüber, dass wir verschiedene Überprüfungskommissionen positiv überstanden haben. Der Verein HAUS SCHLESIEN wird mit seiner musealen Arbeit weiterhin von der Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Staatsministerin Christina Weiss, mit einer sogenannten Grundfinanzierung gefördert. Dieser Betrag wird ausschließlich für die Förderung musealer Vorhaben vergeben.
Dazu gehören natürlich auch - betriebswirtschaftlich gesehen - sämtliche infrastrukturellen Kosten, angefangen bei Energiekosten bis hin zu Personal- und anteiligen Gemeinkosten des Hauses. Dieses Geld reicht leider nicht aus, um die museale Arbeit von HAUS SCHLESIEN entsprechend abdecken zu können. Daher ist es unser wichtiges Anliegen unseren Mitgliedern und Freunden immer wie der klar zu machen, dass kulturelle Arbeit - egal, wo sie auf dieser Welt stattfindet - Geld kostet, und nur mit Hilfe von zusätzlicher Spenden aufrecht erhalten werden kann.
Weiterhin fördert das Bundesinnenministerium die bereits erwähnten verständigungspolitischen Vorhaben mit den Studenten aus Polen und aus Tschechien. Auf Länderebene gibt es punktuell projektbezogene Mittel des Landes Sachsen für Ausstellungsvorhaben, die aber dezidiert beantragt werden müssen. Unsere jüngsten Bemühungen, aus den verbliebenen Restmitteln des sogenannten „Bonn-Berlin-Ausgleichstopfes" eine Förderung zu erhalten, zeichnen sich positiv ab.

Inwieweit konnten Planungen realisiert werden, am HAUS SCHLESIEN eine Senioren-Parkresidenz zu errichten?

Bei den Planungen ist es leider bislang geblieben. Unsere fast zweijährigen Bemühungen zur Umsetzung dieses Vorhabens, das ja den Hintergrund hat, dass die angestrebte Totalentschuldung mittels des Verkaufs eine Grundstückteils realisiert werden sollte, haben sich bislang noch nicht in die Tat umsetzen lassen.
Auf keinen Fall würde HAUS SCHLESIEN selbst als Investor bei diesem Bauvorhaben in Erscheinung treten, sondern die Hilfe eines renommierten und kundigen Investors annehmen. Die Zusammenarbeit mit dem erster Investor lief nach einer gewissen Zeit aus, da die gemeinsamen Vorstellungen nicht umgesetzt werden konnten.
Aus unseren umfassenden Bemühungen der letzten Monate haben wir erfahren müssen, dass der Markt für altengerechtes Wohnen sehr unterschiedlich bewertet wird. Die Aussage der Fachleute geht dahin, dass der Markt aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Situation in Deutschland sehr schwierig geworden ist. Wir bemühen uns also weiterhin, eine Parkresidenz nicht „im", sondern „am HAUS SCHLESIEN" zu errichten, und dadurch mit möglichst einem Schlag die Totalentschuldung des Vereins HAUS SCHLESIEN herbeiführen zu können. Gleichzeitig wollen wir natürlich auch auf die Synergieeffekte, die sich aus der Infrastruktur des HAUSES SCHLESIEN heraus anbieten, aufgreifen und die Vorteile für die potentiellen Bewohner einer solchen Parkresidenz durch die Nähe zu unserem Hause in die Waagschale werfen.

Die so genannten Erlebnisgenerationen, die Schlesien noch bewusst erlebt haben, werden immer weniger. Spürt dies auch Ihr Verein? Kann ein Verein wie der von HAUS SCHLESIEN den Mitgliederschwund kompensieren?

Es ist richtig, dass die Spuren, die allgemein in den Strukturen der schlesischen Vereinigungen zu verzeichnen sind, auch nicht am Verein HAUS SCHLESIEN vorbeigehen. Konnten wir vor knapp zehn Jahren noch einen Mitgliederstand von 2.600 Personen verzeichnen, so bewegen wir uns mittlerweile bei gut 2.000 Mitgliedern. Für den Einbruch im Vergleich zu anderen Institutionen hält sich die Mitgliederzahl des Vereins HAUS SCHLESIEN aber immer noch erstaunlich gut. Wir haben derzeit mit einem leichten Rückgang von zwei bis drei Prozent jährlich zu rechnen. Die meisten Austritte aus dem Verein, denen wir uns gegenüber sehen, haben vor allem mit Alter, Krankheit oder dem Tod zu tun.
Eine Kompensation des Mitgliederschwunds lässt sich zum Teil umsetzen, aber nicht in der absoluten Zahl der Mitgliederverluste. Wir meinen aber, dass die Qualität der Tätigkeit eines Vereins nicht alleine von der Mitgliederzahl abhängt, sondern von dem, was sich in deren Köpfen und vor allem in denen des Vorstands bewegen lässt.
HAUS SCHLESIEN hat einen harten Kern von treuen Mitgliedern, die sich sehr mit dem Geschehen im Hause beschäftigen und das Haus sowohl finanziell als auch ideell begleiten. Darauf sind wir stolz und dies ist für uns eine Verpflichtung in die Zukunft hinein.

Wo und wie sehen Sie das Tätigkeitsfeld des Vereins HAUS SCHLESIEN in zwanzig Jahren?

Ich sehe unser Engagement in Deutschland und im heutigen Polen. Unser Ziel ist es, schon heute dafür zu sorgen, dass an unserem Hause auch in zwanzig Jahren noch der Schriftzug „HAUS SCHLESIEN" zu sehen sein wird.
HAUS SCHLESIEN soll weiterhin Begegnungszentrum, Treffpunkt für alle Wissenden und Neugierigen, Schlesier und Nichtschlesier, für Jung und für Alt sein. Wir wollen Wissen vermitteln, Fragen stellen und dazu beitragen, dass die Schlesier in der gesellschaftspolitischen Diskussion wahr- und ernst genommen werden und sich dabei selbstverständlich auch berechtigter Kritik stellen. Ich setze mich in meiner Funktion als Präsident des Trägervereins dafür ein, dass HAUS SCHLESIEN national und international als anerkannte Plattform für die Kommunikation über die Fragen schlesischer Kultur eine Zukunft hat.
In einem größer gewordenen Europa, in dem jeder ernst genommen und gehört werden will, müssen auch die Schlesier ihren Platz haben. Dafür müssen sie etwas tun, um die zunehmenden Wissenslücken der Bevölkerung zu schließen. Dazu ist die Kommunikation nach allen Seiten hin lebensnotwendig.

Quelle: Zeitschrift “Schlesien heute” Nr. 73 von 10/2004