|
Der erste Kopf war eine umwickelte Kartoffel Von TIMO LÜLLAU
24.11.2004 07:19 Uhr
KÖNIGSWINTER-HEISTERBACHERROTT. Sie lassen Kinder- und Sammlerherzen seit Jahrzehnten höher schlagen und erfreuen sich einer ungebrochenen Beliebtheit: Käthe-Kruse-Puppen. Anlässlich des 100. Geburtstages des beliebten Spielzeuges zeigt das Haus Schlesien eine Sonderausstellung mit 50 Exponaten aus der Anfangszeit bis hin zu den heutigen Modellen.
Die gebürtige Breslauerin Käthe Kruse fertigte den Urtyp ihrer Puppen im Jahr 1905 in Ascona am Lago Maggiore. Ihre dreijährige Tochter ”Mimerle" wünschte sich sehnlichst eine zum Spielen. Kruse schrieb an ihren Mann Max einen Brief und erklärte den Wunsch der Tochter. ”Ich kaufe euch keine, macht sie euch selber", war seine Antwort.
In der Ausstellung kann eine Nachbildung der ersten Puppe bewundert werden: Ein mit warmem Sand gefülltes Handtuch, mit Knoten an den Ecken, die Arme und Beine darstellen. Der Kopf bestand aus einer umwickelten Kartoffel, dessen Gesicht Kruse mit abgebrannten Streichhölzern aufgemalt hat. Kruse experimentierte weiter und stellte ihre Entwürfe 1910 in einem Berliner Warenhaus aus.
“Die Menschen waren so begeistert von ihrer Arbeit, das drang bis nach Amerika vor", berichtete Gudrun Scholtz-Knobloch. Sie hat die Wanderausstellung zusammengestellt und sammelt die Puppen seit Jahren mit großer Leidenschaft. ”Ich habe als Kind immer von einer Käthe Kruse geträumt, aber meine Eltern konnten sie sich in der Nachkriegszeit einfach nicht leisten", fügte sie weiter hinzu.
1912 gründete Kruse aufgrund der hohen Nachfrage eine Produktionsstätte für ihre Puppen im sachsen-anhaltinischen Bad Kösen. ”In Spitzenzeiten fertigten 120 Arbeiterinnen 15 000 Puppen im Monat", erzählte Scholtz-Knobloch. Sie entstanden in kompletter Handarbeit. ”Die Körper bestanden aus Reh- und Rentierhaaren." Besondere Aufmerksamkeit galt den Köpfen. Sie waren aus Stoff und wurden mit einer dünnen Wachsschicht überzogen. ”Die Arbeiterinnen malten die Gesichtszüge und Haare mit Ölfarben auf."
Eine weitere Weltneuheit war ihre erste vollbewegliche Spielpuppe ”Schlenkerchen" aus dem Jahre 1925, die im Haus Schlesien ebenfalls zu bewundern ist. Der weitgehend unbekannte Bereich der Schaufensterpuppenproduktion ist auch als Teil der Wanderausstellung zu sehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Käthe Kruse ihre Produktion nach Donauwörth in Bayern verlegen, weil ihr Betrieb in Sachsen-Anhalt an den ostdeutschen Staat fiel. Bis heute werden die Puppen, trotz zahlreichen weiteren Erneuerungen im Bereich der Materialienverwendung, größtenteils von Hand gefertigt.
Die Ausstellung ist noch bis 3. April 2005 im Haus Schlesien, Dollendorfer Straße 412, zu sehen. Sie ist Dienstag bis Samstag von 10 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet.
Quelle: Kölnische Rundschau Online vom 24.11.2004
|