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Tor für Deutschland

Vor 200 Jahren starb Carl Gotthard Langhans, der zu Unrecht kaum bekannte Architekt des Brandenburger Tores. Als einziges Museum in Deutschland feiert ihn das Haus Schlesien mit einer Ausstellung, die einen vielseitigen Baumeister zwischen Rokoko und Klassizismus vorstellt

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Im Brennpunkt der Geschichte: Das von Carl Gotthard Langhans erbeute Brandenburger Tor. Hier ein Aquatintadruck von L.W. Wittich                Foto: Franz Fischer

VON THOMAS KLIEMANN

Die amtliche Beurteilung, die der Architekt Carl Gotthard Langhans unter seinem akribischen Entwurf aus dem Jahre 1771 fand, hatte es in sich: Zwar steht dort „übrigens aber kann man den Architect Langhans als einen guten Dessinateur passieren laßen", doch bemängelt wird die zu starke Nähe der Zeichnung am Vorbild des Pantheons in Rom. Kurz: Guter Handwerker, doch Defizite in der Originalität. Die angesprochene Zeichnung gehört zu den Schätzen einer Ausstellung, die im Haus Schlesien an den Architekten erinnert und mit etlichen Beispielen das harte Urteil von 1771 korrigiert. Erinnert wird an einen vielseitigen Baumeister, der am 1. Oktober vor 200 Jahren starb. Die Institution aus Königswinter-Heisterbacherrott rettet mit der Schau die Ehre der Museumszunft, denn in ganz Deutschland fand sich kein Haus, das sich des Architekten annehmen wollte.

Carl Gotthard Langhans wurde 1732 in Landeshut (heute: Kamienna Góra) in Niederschlesien (heute: Polen) als Sohn eines Lehrers geboren. In Halle an der Saale studierte er Recht, aber auch Mathematik, Geometrie und besuchte Zeichenkurse. 1757 kehrte er nach Schlesien zurück, fünf Jahre später wurde er von Fürst Franz Philipp Adrian von Hatzfeldt zum Bauinspektor berufen. Er baute für den Fürsten Hatzfeldt, GA_Langhans2aber auch für Adelige aus Schlesien, Brandenburg und Großpolen. Langhans reiste 1768/69 nach Süddeutschland, Italien, Österreich und Berlin. 1775 wurde er von König Friedrich II zum Kriegs- und Oberbaurat bei der Breslauer Kriegs- und Domänenkammer ernannt. 1775/76 Reise nach England, Holland und Frankreich, auf der er entscheidende Impulse für seinen Baustil bekam. 1777 heiratete Langhans die Breslauer Malerin Anna Elisabeth Jaeckel. 1786 berief Friedrich Wilhelm II. gleich nach seinem Regierungsantritt Langhans nach Berlin, der Architekt wurde Geheimer Kriegsrat und Direktor des neu geschaffenen Oberhofbauamtes. Am 1. Oktober 1808 starb Langhans auf seinem Besitz in Grüneiche bei Breslau (Wroclaw).               t.k.

Langhans, der 1732 im niederschlesischen Landeshut (heute: Kamienna Góra) geboren wurde, ist vor allem durch ein Bauwerk berühmt geworden: Das Brandenburger Tor, eine Architektur, die wie kaum eine andere das Schicksal Deutschlands spiegelt. 1793 wurde es als repräsentatives Berliner Stadttor vollendet, das Entree zum Tiergarten. Langhans selbst war begeistert; 1788 bei Baubeginn schwärmte er: „Die Lage des Brandenburger Thores ist in ihrer Art ohnstreitig die schönste von der ganzen Welt." Der Architekt folgte recht frei dem Vorbild der Propyläen in Athen, dem Eingang zur Akropolis.

Wiederholt stand das Brandenburger Tor im Brennpunkt der Geschichte. 1806, zum Beispiel, als Napoleon nach dem Sieg bei Jena und Auerstedt hindurchritt - und Schadows Quadriga mit Siegesgöttin, die das Tor bekrönte, mit nach Paris nahm. Eine Karikatur in der Ausstellung, „Napoleon, der Pferdedieb", erinnert an den Raub. Die Skulptur blieb nicht lange an der Seine. Im Jahr 1814 wurde die Quadriga von den Truppen Blüchers in Kisten verpackt und nach Berlin zurückgebracht. Seitdem hieß die Quadriga bei den Berlinern „Retourkutsche". Das Brandenburger Tor diente siegreichen preußischen Truppen als Kulisse, wurde zum Symbol der deutschen Reichseinigung, später, 1933, zogen fackeltragende Nazis am Abend von Hitlers Machtergreifung hindurch. Nach 1945 war das an der Nahtstelle zwischen den Systemen stehende Bauwerk zunächst Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Der Bau der Berliner Mauer versiegelte das Brandenburger Tor - erst 1989 war der Grenzübergang wieder geöffnet. Am 9. November 1989 stand es dann, zusammen mit Tausenden jubelnden Menschen, erneut im Brennpunkt der Geschichte. Mit etlichen Dokumenten zeichnet das Haus Schlesien diesen windungsreichen historischen Parcours nach.

Der Architekt Langhans lässt sich aber nicht auf dieses berühmte, gut dokumentierte Bauwerk reduzieren. So hat er außerdem den Tanzsaal in Schloss Bellevue (der Residenz des Bundespräsidenten) oder die Innenausstattung des Marmorpalais in Potsdam gestaltet. Doch damit nicht genug: Gut versteckt steht im Garten der Berliner Charité die von Langhans 1791 vollendete Tierarzneischule im Stil einer ländlichen Palladio-Villa, ein Bauwerk, das zu den besten Bauten des Architekten zählt und gerade restauriert wird. Zu entdecken ist auch der Denkmal-Entwerfer Langhans oder der versierte Gartenarchitekt, der das wunderbare Belvedere im Schlosspark Charlottenburg baute, in Dythernfurth für den König ein neogotisches Angelhäuschen und ein tahitisches Korbhäuschen ersann. Für den Neuen Garten in Potsdam entstand seit 1790 ein ägyptisierendes Eingangsportal, das dem Stil des berühmten Revolutionarchitekten Ledeoux nacheiferte. Die ebenfalls von Langhans gebaute Gartenbibliothek folgte der Neogotik, auch mit maurischen Formen ging er virtuos um.

Doch nicht nur die höfische Spielerei hat er beherrscht, Langhans befand sich auch technisch auf der Höhe seiner Zeit, wie die heute noch erhaltenen Dokumente zu seinem Nationaltheater auf dem Berliner Gendarmenmarkt (ab 1800) beweisen. Künstlerisch freilich konnte der Bau, eine brave Version der Silhouette von Palladios Basilica in Vicenza, nicht überzeugen. 1817 brannte das Nationaltheater aus und wurde abgerissen, machte für Schinkels Schauspielhaus Platz. Neueste Forschungen von Jerzy Krzysztof Kos erschließen das OEuvre von Langhans in seiner schlesischen Heimat. Insbesondere im protestantischen Kirchenbau hat er hier mit sehr klaren, funktionalen klassizistischen Räumen - etwa in Waldenburg (Walbrzych) oder in Rawitsch (Rawicz) - Akzente gesetzt.

Die Ausstellung im Haus Schlesien präsentiert einen Architekten, der nicht nur ungemein vielseitig war, sondern sich auch in einer sehr interessanten Phase der Architekturgeschichte bewegte: An der Grenze zwischen dem Rokoko und dem aufkommenden, bald in ganz Europa stilprägenden Klassizismus. Reines Rokoko bestimmt etwa Langhans' ersten nachweisbaren Bau, Schloss Trachenberg des Fürsten Hatzfeld (ab 1764). Langhans ist für den Südflügel verantwortlich, schuf außerdem Teile der Innendekoration. Etwas mehr als zehn Jahre später machen sich im Werk des Architekten bereits Spuren der „modernen" Baukunst bemerkbar: So zeugt der mächtige palladianische Giebel für die Villa Romberg bei Breslau (Wroclaw, 1776 bis 1781) einerseits von Erfahrungen, die Langhans auf seiner Italienreise mit Bauten von Andrea Palladio (1508-80) gemacht haben muss, andererseits von einer intensiven Auseinandersetzung mit dem englischen Neo-Palladianismus. Die klare, harmonische Proportion der Villa Rotonda in Vicenza etwa, eines der Hauptwerke des italienischen Meisters, faszinierte in ganz Europa die Architekten, das auf Serlio fußende so genannte Palladiomotiv (ein hoher Bogen wird von zwei niedrigeren, schmaleren Öffnungen flankiert, bekrönt wird die ganze Gruppe von einem Dreiecksgiebel) wurde fleißig kopiert. Einer der großen Palladio-Fans nördlich der Alpen war Friedrich der Große, sein ausführender Architekt Hofbaumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Die Mohrenkolonnaden in Berlin oder die Tierarzneischule beweisen, dass sich auch Langhans recht geschickt in diesem internationalen Zeitstil bewegen konnte.

Chronologisch endet die Ausstellung im Haus Schlesien mit einem ironischen Schlenker in die Gegenwart. Das Brandenburger Tor mobilisiert noch immer die Fantasie. Mag sein, dass Schadow einst mäkelte, Langhans' berühmtestes Werk sei von „mangelnder Originalität", für Touristen aber steht das Wahrzeichen hoch im Kurs, wie eine Vitrine mit Devotionalien zeigt. Nudeln in Tor-Form, Gummibärchen, Anstecknadeln, Magneten - den Souvenirjägern sind keine Geschmacksgrenzen gesetzt. Und dann ist da noch die Kunst. Karikaturist Burkhard Mohr steuert wunderschöne Blätter zum Tor-Thema bei, und der „Bananen-Aktivist" Thomas Baumgärtel, der fast alle wichtigen Kulturtempel der Welt mit seinem Logo besprüht hat, erzählt mit Modellen und Zeichnungen von seinem großen Traum: Eine Riesenbanane im Brandenburger Tor. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zögert beharrlich. Und das ist nicht gut so.

INFO: Haus Schlesien, Museum für schlesische Landeskunde. Dollendorfer Straße 412, Königswinter-Heisterbacherrott; bis 23. November. Di-Fr 10-12, 13-17, Sa, So 11-18 Uhr. Informationen: www.hausschlesien.de, Tel.: (02244) 8860. Gruppenführungen: (02244) 88 62 31. Das Haus Schlesien bietet vom 28. September bis 5. Oktober eine attraktive Studienreise „auf den Spuren von C. G. Langhans" nach Potsdam, Berlin und Schlesien an. Anmeldung und Information: (02244) 886234

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Architektur: Die Mohrenkolonnaden in Berlin, das Belvedere im Schlosspark Charlottenburg (von links) und das Anatomische Theater in der Tierärztlichen Hochschule in Berlin Mitte (rechts) stammen von Carl Gotthard Langhans. Die Banane im Brandenburger Tor (2. Foto von rechts) ist ein bisher noch nicht verwirktlichtes Projekt des “Bananen-Aktivisten” Thomas Baumgärtel

Quelle: General-Anzeiger vom 30.08.2008 (Journal)