Trebnitz, Seitenfassade Leubus, Kirche innen Leubus, Fürstenkapelle Grüssau, Blick vom Turm der Marienkirche auf die Josephskirche und das Gästehaus

„Klosterdämmerung“ - vom Umbruch zum Aufbruch
ZMIERZCH KLASZTORÓW” - od przełomu do czasów najnowszych
1810 - 2010: Zweihundert Jahre Säkularisation in Schlesien am Beispiel der Zisterzienser

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Katalog zur Ausstellung
172 Seiten, 17,50 Euro, Versand 2,50 Euro
Bestelladresse:
Haus Schlesien
Deutsches Kultur- und Bildungszentrum e.V.
Dollendorfer Straße 412
53639 Königswinter
Telefon 02244 / 886 232
eMail museum@hausschlesien.de
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Heinrichau, Ruine des Sommerschlosses der Äbte von Kloster Heinrichau
Trebnitz, Relief am Eingang zur Kirche
Noch heute kann man in Schlesien auf Spurensuche gehen und auf Zeichen der im Mittelalter beginnenden Hochkultur der Zisterzienserklöster stoßen, die entscheidenden Anteil am Landesausbau sowie an der geistlichen, kulturellen und ökonomischen Entfaltung der Region hatten.
Anlass, an die Leistungen des einst weit verbreiteten Ordens der Zisterzienser zu denken, ist in diesem Jahr die Aufhebung oder Säkularisation der Klöster, die vor 200 Jahren in Schlesien stattgefunden hat. Die besondere historische Bedeutung der Zisterzienser für Schlesien aber auch die enge Verbindung von HAUS SCHLESIEN zu dem ältesten und größten schlesischen Zisterzienserkloster Leubus an der Oder erlauben es, bei der Erinnerung an die Ereignisse der Säkularisation von 1810 den Focus speziell auf die sieben Zisterzienserklöster zu richten. Neben Leubus, geht es in einem umfangreichen Ausstellungsprojekt um die niederschlesischen Abteien Heinrichau, Kamenz, Grüssau und die Zisterzienserinnenabtei Trebnitz, dazu die beiden oberschlesischen Zisterzen Rauden und Himmelwitz. Wie durch ein Wunder hat sich die Bausubstanz der ehemaligen zisterziensischen Niederlassungen in Schlesien nach der Säkularisation trotz aller Stürme der Zeit mehr oder weniger gut erhalten, wenn auch die ursprüngliche Funktion als Kloster, abgesehen von Grüssau und Trebnitz, nicht mehr gegeben ist.
In dem vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien geförderten Projekt wird dieses Thema an drei verschiedenen Ausstellungsorten beleuchtet: HAUS SCHLESIEN in Königswinter-Heisterbacherrott stellt die sieben schlesischen Zisterzen vom 5. September bis zum 28. November 2010 in einer umfassenden zweisprachigen Sonderausstellung vor, von der mittelalterlichen Klosterstiftung über die Blütezeit des Barock bis zur Säkularisation 1810 und deren Folgen sowie die weitere Entwicklung bis in die Gegenwart. Eingebettet in diese Präsentation des Museums ist ein Schülerprojekt der 10. und 11. Jahrgansstufe des CJD (Christophorus)-Gymnasiums aus Königswinter. Die „Regionale 2010“, ein Strukturförderungsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, hat im benachbarten früheren Zisterzienserkloster Heisterbach umfassende Rekultivierungsmaßnahmen aufgenommen. So lässt sich ein regionaler Bezug herstellen, zumal der ehemalige Fronhof, Domizil von HAUS SCHLESIEN seit 1978, einstmals zur Abtei Heisterbach gehörte.
Zwei weitere, separate Ausstellungen werden in Schlesien in Leubus/Lubiąż (Dauerausstellung ab 5. Juni 2010) und Kamenz/ Kamieniec Ząbkowicki (Dauerausstellung ab 26. Juni 2010) mit dem jeweiligen Schwerpunkt auf diesen beiden Zisterzienserklöstern präsentiert. Die zweisprachigen Ausstellungen sollen dauerhaft in den ehemaligen Klöstern verbleiben und dem Besucher ein vertieftes Wissen um die Bedeutung der wichtigen Rolle dieser Orte und Bauwerke in der Geschichte Schlesiens zu bieten.
Alle drei Ausstellungsstationen thematisieren die historische Entwicklung der Zisterzienserklöster in Schlesien bis zu ihrer Aufhebung und Verstaatlichung von 1810, ihre weitere Nutzung, sowie die Veränderungen nach der einschneidenden Zäsur von 1945. Dargestellt wird das reiche kulturelle Leben des Zisterzienserordens, der als Wegbereiter der mittelalterlichen Ostkolonisation eine große Rolle spielte. Er war 1098 durch Robert von Molesme (um 1028-1111) als Reaktion auf das zunehmend verweltlichte Leben der Benediktiner nahe dem burgundischen Ort Cîteaux gegründet worden. Straff organisiert und durch die Ordensverfassung, die „carta caritatis“, streng geregelt, breitete sich der Orden rasch über Europa aus. Bereits im Todesjahr des späteren Ordensheiligen Bernhard von Clairvaux (um 1090 – 1153) waren mehr als 350 Klöster entstanden. Um 1300 gab es bis ins Baltikum und bis Siebenbürgen mehr als 700 Ordensniederlassungen, protegiert durch die jeweiligen Landesherren.  
Sie sahen in den „weißen Mönchen“ die geeignete Kraft, das Christentum zu stabilisieren, aber auch den Landesausbau der häufig dünn besiedelten Gebiete zu befördern. Schon früh hatten die Mönche, deren Ordensprinzip des „ora et labora“ gelebter Alltag war, sich zu Spezialisten in Land- und Forstwirtschaft sowie der Kultivierung von Sümpfen und Urwäldern entwickelt.
Der schlesische Zweig entstand über das Kloster Morimond, dessen Filiation Kamp am Rhein (heute Altenkamp) als erstes Zisterzienserkloster auf deutschem Boden 1123 gegründet wurde. Von hier aus entstanden 1129 Kloster Walkenried im Harz, drei Jahre später Pforta (heute Schulpforta) nahe Naumburg.
Auf den Ruf des Piastenherzogs Bolesław I. von Schlesien zog von Pforta aus ein Konvent nach Leubus an der Oder; das Kloster wurde 1175 bestätigt. 1222 wurden Mönche nach Mogiła bei Krakau entsandt, zeitgleich entstand aber auch mit Heinrichau die erste schlesische Filiation. Das unter Schutz Herzog Heinrichs I. stehende Kloster besiedelte 1292 das aufgelassene Benediktinerkloster von Grüssau nahe Landeshut. 1247 wurde Kamenz gegründet, das jedoch keine eigene Filiation ausbildete.
Vom kleinpolnischen Kloster Jędrzejów, einer nach 1140 entstandenen Filiation Morimonds, wurde nach 1255 das mit einem französisch-polnischen Konvent besetzte Rauden in Oberschlesien gegründet. Von hier aus entstand 1286 Himmelwitz, das kleinste der schlesischen Zisterzienserklöster.
Einziges Zisterzienserinnenkloster in Schlesien blieb das 1218 in den Orden inkorporierte Kloster Trebnitz, dessen erste Nonnen aus Bamberg kamen. Die Klosterstifterin, die später heilig gesprochene und als Landespatronin verehrte Hedwig, Gattin Herzog Heinrichs I., fand hier ihre letzte Ruhestätte.
Die sieben Zisterzienserklöster prägten den schlesischen Kulturraum Jahrhunderte lang wesentlich, trotz aller wechselvollen geschichtlichen Ereignisse wie Mongoleneinfall, Hussitenkriege, Dreißigjährigen Krieg und Reformation. Die konfessionellen Veränderungen machten sich schließlich in einer architektonisch sichtbaren starken Ausprägung der Gegenreformation bemerkbar.
Bedeutende Persönlichkeiten, Künstler und Äbte wie die Heilige Hedwig, Michael Willmann, Arnold Freiberger oder Bernhard Rosa werden in den drei Ausstellungen ebenso thematisiert wie die Protagonisten der Säkularisation, allen voran der preußische Verwaltungsjurist Johann Gustav Gottlieb Büsching (1783-1829).
Exemplarisch dargestellt wird auch die Güterwirtschaft der Zisterzienser. Von Interesse ist besonders die Entwicklung der Klostergüter nach der Säkularisation. Die Inbesitznahme durch verdiente preußische Offiziere, hohe preußische Verwaltungsbeamte und Vertreter des protestantischen schlesischen Adels veränderte die bisherigen geistlichen Grundherrschaften nachhaltig und führte zur Verschlechterung der Lebensbedingungen der katholischen Bevölkerung. In den Ausstellungen werden einige Stiftsdörfer und Propsteien vorgestellt, für Leubus u.a. Mönchmotschelnitz, Brechelshof, Schlauphof und Arnoldshof, für Heinrichau Seitendorf und Frömsdorf, für Grüssau die Stiftsstädte Liebau und Schömberg und für Kamenz die Propstei Wartha, seit dem Mittelalter ein bekannter und beliebter schlesischer Marienwallfahrtsort.  
Ein Blick auf die Vorgeschichte der Säkularisation von 1810 verdeutlicht, dass die Klöster in Schlesien durch die Übernahme der preußischen Landeshoheit bereits im Laufe des 18. Jahrhunderts hohen steuerlichen Belastungen, einer zunehmenden Wirtschaftsreglementierung und Nachwuchssorgen ausgesetzt waren. Mit der Revolution in Frankreich und der napoleonischen Herrschaft gerieten an der Wende zum 19. Jahrhundert die geistlichen, kulturellen und sozialen Lebenswelten der bisherigen Gesellschaftsordnung ins Wanken. Am 24. März 1803 kam es beim sogenannten Reichsdeputationshauptschluss des Immerwährenden Reichstages in Regensburg zu einer letzten gesetzlichen Verlautbarung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Unter dem Einfluss Frankreichs wurde die Zwangsauflösung der meisten Klöster sowie die Verstaatlichung ihrer Besitztümer beschlossen.
Die Säkularisierung in Europa hatte bereits mit der Aufklärung eingesetzt und erreichte in der Französischen Revolution ihren Höhepunkt. Sie beinhaltete einen erheblichen Machtverlust der religiösen Institutionen und strebte die völlige Trennung von Staat und Kirche an. Geistliche Territorien mit Grundbesitz und Herrschaftsrechten entsprachen nicht mehr dem herrschenden Zeitgeist und wurden von den zeitgenössischen aufklärerischen Kräften zur Disposition gestellt. Die Kirche hatte selbst zu den Auflösungserscheinungen beigetragen, indem viele ihrer Repräsentanten durch herrschaftliche Ritualien und aufwändige Lebensstile ihr Kerngeschäft, die Glaubensverkündigung und -festigung vernachlässigt hatten. Das Urteil der damaligen kirchenkritischen Kreise ist jedoch in der getroffenen Pauschalität nicht aufrecht zu erhalten. Letztlich war zwar die Kirche Verlierer der Aktion, jedoch bedeuteten der Untergang der Reichskirche und die Säkularisation auch Aufbruch in neue Dimensionen. Die bisherige Untertanenrolle des Kirchenvolkes verwandelte sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts in aktive Mitgestaltung kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens.
In der preußischen Provinz Schlesien - ebenso wie im übrigen Königreich Preußen - wurde die Säkularisierung erst durch königliches Edikt vom 30. Oktober 1810 angeordnet. Nach dem verlorenen Krieg gegen Frankreich war Preußen im Frieden von Tilsit (1807) zu außergewöhnlich hohen Kontributionszahlungen verpflichtet worden. König Friedrich Wilhelm III. wählte  mit der Aufhebung der geistlichen Territorien und dem Einzug deren Vermögens einen politisch leicht durchsetzbaren Weg, um die zu zahlenden Kriegsschulden zu tilgen. Anderenfalls hätten die Untertanen durch enorme Steuererhöhungen ihren persönlichen Beitrag zur Stützung der Staatsfinanzen zu leisten gehabt.
Im Edikt vom 30.10.1810 wurde der Besitz von 76 schlesischen und vier ermländischen Stiften und Klöstern, der Besitz des Breslauer Domkapitels, der Deutschordensballeien und der Johanniterkommenden zum Staatseigentum erklärt und die Institutionen und Gemeinschaften aufgelöst. Zu den betroffenen Klöstern gehörten auch die schlesischen Zisterzienserniederlassungen, deren Konvente sich in alle Winde zerstreuten. Die Gebäude und Liegenschaften mussten neuen Zweckbindungen zugeführt werden, die sich weit von den bisherigen unterschieden.
Den konkreten Akt der Säkularisierung führten eigens ernannte, dem preußischen Staat zu besonderer Solidarität verpflichtete Säkularisationskommissare durch, z.B. für Leubus Johann Friedrich Theodor Baumann (1768-1830), Geheimer Justizrat in Liegnitz, für Kamenz Graf Karl Friedrich von Pfeil und Klein-Ellguth, Erbherr auf Groß-Wilkau.
Eine besondere Rolle im Säkularisierungsverfahren spielte der preußische Kommissar
Büsching, dessen eigentliche Vorliebe der Germanistik, insbesondere der Sammlung und Publizierung mittelalterlicher Literatur galt. Darüber hinaus betätigte er sich als Volkskundler und Archäologe. Als Säkularisationskommissar bemühte er sich um die Inventarisierung und Aufbewahrung von Kunstsachen, Archiven und Bibliotheken. Sein Ziel war es, aus den Beständen der Klöster eine schlesische Zentralbibliothek sowie eine Kunstsammlung aufzubauen. Bei seiner Ankunft in Breslau, am 23. November 1810, mussten 6.000 Urkunden und Bilder, Kunstsachen und andere Altertümer aus den Klöstern und Stiften in kürzester Zeit bearbeitet werden, da Klostergüter und -gebäude veräußert werden sollten. Die überhasteten und kaum zu überblickenden Maßnahmen führten zu einem großen Verlust eingezogener Exponate.
Immerhin bildeten die Klosterbestände den Grundstock für die Bibliothek der 1811 neu gegründeten Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau. Das Provinzialarchiv, zu dessen Einrichtung Büsching wichtige Pionierdienste geleistet hatte, wurde 1822 selbständig. Ebenfalls bildeten Büschings Bemühungen um den Aufbau einer schlesischen Altertümersammlung einen wertvollen Beitrag zur regionalen Museumslandschaft.
Die von HAUS SCHLESIEN durchgeführten, von Dr. Inge Steinsträßer und Arne Franke M.A. vorbereiteten Ausstellungen in Leubus und Kamenz reihen sich ein in verschiedene Aktivitäten, die seit etlichen Jahren von polnischer Seite in Wissenschaft und Forschung aber auch im Hinblick auf eine touristische Erschließung der Zisterzienserklöster in Schlesien unternommen werden: Historiker der Universität Breslau erinnern mit einer Tagung am 19. und 20. November 2010 an die Säkularisation vor 200 Jahren und thematisieren verschiedene Facetten der Klösteraufhebung. Im Internet dient der  mehrsprachig angelegte  „Weg der Zisterzienser“ (www.szlakcysterski.org) als Wegweiser für Besucher auf den Pfaden der Zisterzienser und gibt einen ersten Eindruck über die Standorte und Geschichte der ehemaligen Zisterzienserklöster in Schlesien sowie über die zisterzienserischen Niederlassungen in ganz Polen. Ebenfalls 3-sprachig sind einige Farbbildbände mit hervorragenden Fotografien, die in den letzten Jahren in Polen erschienen sind.
Aktuell finden in Rauden/Rudy in Oberschlesien umfassende Restaurierungsmaßnahmen der ehemaligen Konventsgebäude statt. Das Bistum Gleiwitz/Gliwice richtet dort ein Bildungszentrum ein. Kloster Heinrichau/Henryków wird als Filiale des Priesterseminars der Erzdiözese Breslau betrieben. In Grüssau/Krzeszów  befindet sich seit dem Jahre 1946 ein aus Lemberg/Galizien stammender Benediktinerinnenkonvent. Die hervorragend restaurierte gesamte Anlage ist ein Baudenkmal besonderen Ranges. Nicht zuletzt der Josephszyklus des schlesischen Barockmalers Michael Willmann zieht viele Besucher an und entwickelt sich zunehmend zum lohnenden Tourismusziel am Fuße des Riesengebirges.

Nicola Remig, Inge Steinsträßer, Arne Franke

Säkularisation in Schlesien    © Dokumentations- und Informationszentrum für schlesische Landeskunde im HAUS SCHLESIEN 2010