
SEMINARBETRIEB
Das Kultur- und Bildungszentrum HAUS SCHLESIEN hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit einer breiten Öffentlichkeit in Dialog zu treten und sie mit Themen aus Geschichte, Kultur und Verständigungspolitik, die in unmittelbarem Zusammenhang mit Schlesien stehen, vertraut zu machen.
STUDENTENSEMINARE

Unter dem Titel „Schlesische Begegnungen“ finden jedes Jahr ca. 10 Seminare in Zusammenarbeit mit polnischen Hochschulen im HAUS SCHLESIEN statt. Hierzu kommen mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat polnische Germanistik- und Geschichtsstudenten zu jeweils einwöchigen Seminaren nach Königswinter. Zu dem umfassenden Programm gehören u.a. Zeitzeugengespräche, Exkursionen und die intensive Bearbeitung von Themen im Spektrum Deutschland – Polen. Die Seminare werden von den Universitäten offiziell für den Studiengang anerkannt.
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Mein Europa – Meine Europäer: Junge Multiplikatoren im Dialog

INTERNATIONALES SEMINAR IM HAUS SCHLESIEN
Vom 16. bis 22. November 2025 versammelten sich rund 30 Studierende aus Deutschland, Frankreich, Polen und Tschechien im HAUS SCHLESIEN in Königswinter-Heisterbacherrott. In dieser intensiven Studienwoche setzten sie sich eingehend mit Schlesien und weiteren europäischen Grenzregionen auseinander. Dabei entdeckten sie nicht nur den vielfältigen kulturellen Reichtum dieser Regionen, sondern hinterfragten auch ihre eigenen Vorstellungen von den Gegensätzen „Ost“ und „West“. Dieses Projekt verfolgte das Ziel, den Teilnehmenden ein feines Gespür für ein gemeinsames Europa zu vermitteln, indem Regionen wie Schlesien, das Rheinland und Ostbelgien als Brückenlandschaften sichtbar gemacht wurden. Diese Orte verbinden unterschiedliche Sprachen, Traditionen und Erinnerungen. Die Studierenden wurden als junge Multiplikatorinnen und Multiplikatoren befähigt, den Dialog zwischen Deutschland, Frankreich, Polen und Tschechien sowie die Idee der europäischen Einheit in Vielfalt weiterzutragen.
Das Seminar setzte sich aus drei wesentlichen Elementen zusammen: Vorträge, Workshops und Exkursionen. Die begleitenden Dozenten der Partneruniversitäten verstanden es hervorragend, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verschiedene Perspektiven auf ein vereintes Europa nahezubringen. So konnte ein tiefes Verständnis für die Bedeutung und die Herausforderungen europäischer Integration entwickelt werden. Besonders die europäischen Grenzregionen wurden als Räume mit großem Potenzial als Brücken zwischen den europäischen Völkern dargestellt. Deshalb unternahmen die Teilnehmenden Exkursionen, unter anderem nach Eupen ins Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft und in die Europastadt Aachen, die im Dreiländereck der Niederlande, Belgiens und Deutschlands liegt. Diese Besuche ermöglichten nicht nur theoretisches Wissen, sondern boten konkrete Begegnungen vor Ort, die das Verständnis für die europäische Verständigung unmittelbar erfahrbar machten.
Ein besonders eindrucksvolles Erlebnis war der Besuch im Europäischen Parlament in Brüssel, wo die Gruppe mit dem Europaabgeordneten Axel Voss zusammentraf. In einer lebhaften Diskussion wurden aktuelle europapolitische Themen sowie die Zukunft der Europäischen Union erörtert. Dieser Austausch erwies sich als inspirierend, insbesondere im Hinblick auf Fragen von Herkunft, Identität und den Herausforderungen, denen der Kontinent heute gegenübersteht. Die Diskussionen wurden mit viel Engagement bis in die späten Abendstunden fortgeführt. Am Ende des Seminars waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig, dass persönliche Begegnungen zwischen jungen Europäern von unschätzbarem Wert sind. Politische Initiativen, wichtige Publikationen oder Ausstellungen seien zwar bedeutsam, doch nichts könne den direkten, persönlichen Dialog und das Face-to-Face-Gespräch ersetzen, wenn es darum geht, echtes Verständnis und Verbundenheit zu schaffen.
Organisiert wurde das Seminar vom Dokumentations- und Informationszentrum im HAUS SCHLESIEN in enger Kooperation mit dem Institut für Germanistik der Universität Opava/Troppau, dem Germanistischen Institut der Universität Paul-Valéry Montpellier und dem Germanistischen Institut der Universität Wrocław/Breslau. Die Finanzierung erfolgte durch das Bundesministerium des Innern sowie die NRW-Landesinitiative Europa-Schecks des Ministers für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien und Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen. Weitere Fördermittel stellten die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Universität Wrocław/Breslau, die Sanddorf-Stiftung und die Erika Simon-Stiftung bereit. Dieses breit gefächerte Zusammenspiel von Organisation und Förderung machte die intensive und vielfältige Studienwoche erst möglich. Ihre Wirkung wird von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als wertvoller Impuls für die europäische Verständigung und das Miteinander nachhaltig geschätzt.
Adam Wojtala
TAGUNGEN

Den Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland und Polen kommt im Bereich der Verständigungsarbeit eine wichtige Rolle zu und gerade durch den binationalen Austausch kann der Blick für die sensiblen und spannungsreichen Aspekte in der deutsch-polnischen Geschichte geschärft werden. HAUS SCHLESIEN versucht hier mit seinen Tagungs- und Seminarangeboten einen Beitrag zu leisten.
Zweitrangig? Konrad Adenauers Ostpolitik

Ein Seminar zum 150. Geburtstag Konrad Adenauers (1876-1967)
Mittwoch 04. und Donnerstag 05. Februar 2026
Veranstaltungsort: HAUS SCHLESIEN, Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter
Der erste Regierungschef der gerade gegründeten Bundesrepublik Deutschland wird bis heute hinsichtlich der Außenpolitik meist sofort mit dem Stichwort „Westintegration“ in Verbindung gebracht. Dies gewiss zu Recht, aber Adenauer hatte den Blick selbstverständlich auch nach Osten zu richten. Mit der DDR war zeitgleich ein zweiter deutscher Staat unter der Kontrolle der Sowjetunion entstanden, zudem war die Frage der Zukunft der früheren deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße mindestens aus der Sicht der Mehrheit der mehr als acht Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen offen, die unfreiwillig von dort nach Westdeutschland gelangt waren. Und zudem handelte es sich bei diesen zugleich um eine sehr große Bevölkerungsgruppe von hoher sozial- und innenpolitischer Relevanz.
Das Seminar nimmt Konrad Adenauers nach Osten gerichtetes (außen-)politisches Programm in den Blick und fragt nach dessen Stellenwert in der Gesamtpolitik des ersten Bundeskanzlers. Außerdem beleuchtet es die Vertriebenenpolitik in den beiden ersten Legislaturperioden 1949-1957.
Teilnahmegebühr: 145 € pro Person (1 Übernachtung mit Frühstück, 1 Abendmenu und 1 Mittagessen, Pausenversorgung mit Kaffee, Mineralwasser, Gebäck), ohne Übernachtung 90 € pro Person, für Mitglieder des Vereins HAUS SCHLESIEN 125 € bzw. 80 €.
Verbindliche Anmeldung bitte unter 02244 886 231 oder kultur@hausschlesien.de
Kooperationsprojekt: Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, HAUS SCHLESIEN und Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus
Mehr Infos zum Jubiläum und weitere Veranstaltungen: www.150-jahre-adenauer.de
Foto: Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau 1955
Bundesarchiv, Bild 146-1989-101-01A / CC-BY-SA 3.0

Programm (Änderungen vorbehalten):
Mittwoch, 04. Februar 2026
13.30 – 13.45 Uhr Begrüßung und Einführung (Nicola Remig, Dokumentations- und Informationszentrum von Haus Schlesien/Prof. Dr. Winfrid Halder, Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, Düsseldorf)
13.45 – 14.45 Uhr Fast ein Jahrhundertleben. Stationen und Kontexte der politischen Biographie Konrad Adenauers im Überblick (Prof. Halder)
Konrad Adenauer, der 1967 im Alter von 91 Jahren starb, war Zeitgenosse von vier sehr unterschiedlichen politischen Systemen in Deutschland und er war politischer Akteur in allen vier Systemen. Der Vortrag richtet sich auf politische Prägungen und zentrale Stationen im Werdegang Adenauers.
14.45 – 15.00 Uhr Kaffeepause
15.00 – 16.15 Uhr Konrad Adenauer (1876-1967) und Wilhelm Pieck (1876-1960) – Parallele Leben, entgegengesetzte Wege (Dr. Christopher Beckmann, Konrad-Adenauer-Stiftung)
Im Unterschied zum Kölner Adenauer stammte Wilhelm Pieck aus der 1945 von der Besetzung und Teilung Deutschlands direkt betroffenen brandenburgischen Kleinstadt Guben. Die Stadt war unvermittelt Grenzstadt, ihr östlich der Oder gelegener Teil fiel an Polen. Pieck, der nur zwei Tage älter als Adenauer war, hatte frühzeitig politisch einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Nahezu zeitgleich übernahmen dennoch beide politische Spitzenämter in den soeben gegründeten zwei deutschen Staaten. Somit stehen beider politische Biographien für fundamental verschiedene Möglichkeiten der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.
16.15 – 17.30 Uhr Adenauer und die Westintegration. Das dominante Konzept? (Prof. Dr. Guido Thiemeyer, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)
Die Integration des jungen westdeutschen Teilstaates in den von den USA angeführten Staatenverbund gehörten zu den zentralen Anliegen des ersten Bundeskanzlers. Der Vortrag beleuchtet Elemente und Gewichtung der Westintegration in Adenauers politischem Gesamtkonzept.
18.00 – 19.00 Uhr Abendessen im HAUS SCHLESIEN
19.30 – 20.45 Uhr Hans Lukaschek (1885-1960) und die Vertriebenenpolitik der Regierung Adenauer 1949-1957 (Dr. Guido Hitze, Leiter der NRW-Landeszentrale für politische Bildung)
Der hohe Stellenwert der Vertriebenenpolitik in der jungen Bundesrepublik wurde auch durch die Schaffung eines eigenständigen Ministeriums dafür sichtbar. Adenauer hatte für dessen Leitung unterschiedliche personelle Optionen und entschied sich für Hans Lukaschek, den früheren Oberpräsidenten der Provinz Oberschlesien und Angehörigen des Widerstandszirkels „Kreisauer Kreis“. Lukaschek oblag die Schaffung der Grundlagen der Integration von mehr als acht Millionen unfreiwilligen „Zuwanderern“.
Donnerstag, 05. Februar 2026
07.30 – 08.30 Uhr Frühstück
08.30 – 10.30 Uhr Transfer zum Konrad-Adenauer-Haus in Rhöndorf (optional für Teilnehmer mit ausreichender Fitness als Fußwanderung, auch wetterabhängig), sonst mit öffentlichen Verkehrsmitteln
10.30 – 10.45 Uhr Begrüßung durch Dr. Sabine Schößler, Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus
10.45 – 11.00 Uhr Kaffeepause
11.00 – 13.00 Uhr Akzente der Ostpolitik Adenauers. Vortag und Führung durch das Wohnhaus (Dr. Holger Löttel, Stiftung Konrad-Adenauer-Haus)
Konrad Adenauer hat das Haus in Rhöndorf von 1937 bis zu seinem Tod bewohnt. Bald danach begann der Aufbau einer Gedenkstätte, die das original erhaltene Wohnhaus und einen Museumsbau in unmittelbarer Nähe umfasst. Der dort als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätige Dr. Holger Löttel nimmt in seinem Vortrag Aspekte der Adenauerschen Außenpolitik auf und erläutert beim Rundgang durch das Haus biographische Stationen.
13.10 – 14.20 Uhr Mittagessen (Café Profittlich, Rhöndorf)
14.30 – 15.00 Uhr Abschlussrunde, anschließend Rückkehr zum Haus Schlesien (öffentliche Verkehrsmittel, Ankunft ca. 15.45 Uhr) oder Heimreise
Frauenschicksale zwischen Weimarer Republik und Wiederaufbau

Tagung
Samstag, 18. April 2026, 10.00 – 18.00 Uhr
Veranstaltungsort: HAUS SCHLESIEN, Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter
Vor während und nach dem Zweiten Weltkrieg lastete auf den Schultern der Frauen eine große Verantwortung: Die Männer waren als Widerständler in Haft, im Krieg, in Kriegsgefangenschaft oder gefallen, und so hatten die Frauen nicht selten neben der Familie auch einen Betrieb zu führen und für den Unterhalt zu sorgen. Andere waren selbst im Widerstand, versteckten Verfolgte, wurden selbst verfolgt oder zur Zwangsarbeit genötigt. Und am Ende des Krieges waren es vor allem Frauen, die mit Kindern und Alten aufbrechen und sich auf den Weg ins Ungewisse machen mussten.
Es waren unsere Mütter und Großmütter, die während Nationalsozialismus, Krieg, Flucht und Vertreibung, oft auf sich alleine gestellt, fast Unmenschliches geleistet haben
Die Tagung vermittelt anhand einzelner Biographien von bekannten und weniger bekannten Frauen historische Hintergründe zur deutschen Geschichte der 1930er bis 1950er Jahre und erinnert an die Leistung der Frauen. Neben bekannten Frauen wie Gussie Adenauer oder Freya von Moltke, geht es vor allem um die Geschichten der vielen Unbekannten: der Alltagsheldinnen aus Königswinter, der Zwangsarbeiterinnen und der Frauen auf der Flucht Im Rahmen der Tagung besteht auch die Möglichkeit, eigene Familiengeschichten zu reflektieren.
Teilnahmegebühr: 70 € pro Person (incl. Drei-Gang-Menü und zwei Kaffeepausen)
Verbindliche Anmeldung bitte unter 02244 886 231 oder kultur@hausschlesien.de
Die Zahl der Plätze ist begrenzt!
Eine Tagung von HAUS SCHLESIEN in Zusammenarbeit mit der VHS Siebengebirge, dem Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter und der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus
10.00 Uhr Begrüßung / Einführung in die Thematik
10.15 Uhr Bewegte Biografien – Gussie Adenauer & Elly Heuss-Knapp
Claudia Waibel, Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus
11.00 Uhr Kaffeepause
11.30 Uhr Die Frauen der Kreisauer: Freya Gräfin von Moltke, Marion Yorck von Wartenburg und Margarete von Trotha
Silke Findeisen, HAUS SCHLESIEN
12.15 Uhr Zwangsarbeiterinnen in Königswinter – Beispiele polnischer und ukrainischer Betroffener
Elmar Scheuren, Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter
13.00 Uhr Mittagessen
14.30 Uhr Rosa Cohn: Damit wir nicht vergessen.
Videoprojekt der Schülerinnen Carina Schleder, Hannah Julia Gajdecka und Michelle Mader des Gymnasiums am Ölberg
15.00 Uhr Moderierte Gespräche in Kleingruppen mit Kaffee und Kuchen
Zeit für Ihre Erinnerungen und Geschichten aus der Familie
16.00 Uhr Die Frauen der Familie Süskind in Oberdollendorf. Biografische Annäherungen an Herkunft, Verfolgung und Überleben
Gabriele Wasser, Siebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter
16.45 Uhr Führung durch die Sonderausstellung „Ungehört – Die Geschichte der Frauen“
17.30 Uhr Abschlussdiskussion
Ca. 18.00 Uhr Ende der Tagung.
OPA LEBT IN OBERSCHLESIEN / ALLES POLEN ODER WAS?!

Rückblick Tagung „Alles Polen – oder was?! Oberschlesische Identitäten zwischen Deutschland und Polen“ 2025
Am 15. und 16. November fand im HAUS SCHLESIEN zum fünften Mal die Tagung „Alles Polen oder was?!“ (vormals „Opa lebt in Oberschlesien“) statt. 26 Teilnehmer unterschiedlicher Altersgruppen und Hintergründe waren diesmal dabei, womit eine Rekordzahl erreicht wurde. Wir freuen uns über das wachsende Interesse am Themenbereich und die steigende Bekanntheit des Seminars, das als Zwilling unseres stets ausgebuchten Seminars „Oma kommt aus Schlesien“ entstanden ist, allerdings mit einer ganz anderen Zielgruppe. Während das „Oma“-Seminar sich primär an Nachfahren der deutschen Heimatvertriebenen richtet, die 1945 Schlesien verlassen mussten, spricht „Alles Polen oder was?!“ vor allem die oberschlesischen Aussiedler an, die später ausreisten und deren Migrationserfahrung sich deutlich von der Vertreibung unterscheidet.
Der Untertitel des diesjährigen Seminars lautete „Oberschlesische Identitäten zwischen Deutschland und Polen“. Die Frage nach der Identität zog sich dabei wie ein roter Faden durch das Programm: Am ersten Tag hörten die Teilnehmer zum Einstieg einen kurzen Impulsvortrags von Florian Paprotny vom Dokumentations- und Informationszentrum im HAUS SCHLESIEN (DIZ) zur Entwicklung des Begriffs „Identität“. Anschließend folgten ein Grundlagenvortrag zur Geschichte Oberschlesiens und eine Führung durch die Dauerausstellung im Museum von HAUS SCHLESIEN durch Adam Wojtala (DIZ). Es wurde deutlich, dass die oberschlesische Identität zunächst vor allem regional geprägt war und dann im späten 19. und vor allem im 20. Jahrhundert eine Nationalisierung erfolgte, die zu einer Spaltung der Oberschlesier zwischen deutschem und polnischem Nationalgefühl führte. Den Kulminationspunkt dieser Spaltung bildete das Plebiszit 1921, das von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen deutschen und polnischen paramilitärischen Gruppen überschattet wurde. In Folge des Plebiszits wurde Oberschlesien geteilt und der östliche Industriestreifen fast gänzlich an Polen angegliedert. Dort bildete er fortan die Wojewodschaft Schlesien. Das agrarisch geprägte westliche Oberschlesien verblieb als Provinz Oberschlesien beim Deutschen Reich.
Nachdem ganz Oberschlesien 1945 an Polen fiel, wurde 1950 nach kurzem Bestehen einer beide Teile umfassenden Wojewodschaft wieder zwei Wojewodschaften gebildet. Das westliche Oberschlesien bildete fortan die Wojewodschaft Oppeln, die sog. „Opolszczyzna“. Mit der regionalen Identität dieses Gebiets beschäftigte sich der Vortrag von Dr. Monika Czok (Universität Oppeln), die aufzeigte, dass es durchaus eine eigene Identität im Oppelner Schlesien gibt, die sich von der der Wojewodschaft Schlesien, also dem oberschlesischen Industriegebiet, abgrenzt. Das wurde vor allem 1998 deutlich, als im Zuge einer Verwaltungsreform die Wojewodschaft Oppeln aufgelöst werden sollte, wogegen die Bewohner protestierten. Letztlich blieb die Wojewodschaft erhalten.
Der Nachmittag endete mit der Filmvorführung von Ronald Urbanczyks Dokumentarfilm „Nova Silesia“. Mit eindrucksvollen Bildern erzählte der Film von der kulturellen und wirtschaftlichen Dynamik Schlesiens zwischen Tradition und Moderne. Dabei geht er auf die verschiedenen schlesischen Regionen ein, angefangen im ostoberschlesischen Industrierevier, über die „Opolszczyzna“ und auch Niederschlesien bis hin zur Oberlausitz. Der Tag fand seinen Abschluss in geselliger Runde beim gemeinsamen Abendessen und offenen Gesprächen in der Rübezahlstube.
Die Tagung fand erneut in Kooperation mit dem Oberschlesischen Landesmuseum (OSLM), Ratingen, statt, wo die Gruppe den zweiten Tag verbrachte. Dr. Marius Hirschfeld (OSLM) führte durch die Dauerausstellung und die Sonderausstellung “Silberfieber”. Außerdem hatten die Teilnehmer Gelegenheit, die beiden hauseigenen Escaperooms mit oberschlesischem Setting zu spielen. Zum Abschluss gab es noch einen Vortrag von Prof. Dr. Bertram von der Stein. Der Psychotherapeut gehört bereits von Beginn an fest zum Programm des Seminars „Oma kommt aus Schlesien“, bei dem er über transgenerationale Traumata durch Krieg, Flucht und Vertreibung referiert. Beim Oberschlesien-Seminar referierte er dieses Jahr erstmals und thematisierte die psychologischen Auswirkungen, die die jahrzehntelange Unterdrückung der oberschlesischen Identität und der biographische Bruch der Aussiedlung bei den Oberschlesiern hinterlassen haben. Er illustrierte das mit anonymisierten Fallbeispielen aus seiner Praxis. Der Vortrag führte zu einer regen Abschlussdiskussion.
Unsere Seminare sollen auch 2025 wieder stattfinden. Weitere Informationen erhalten Sie auf unserer Website hausschlesien.de, unter 02244 886 231 oder kultur@hausschlesien.de.
Florian Paprotny
KULTUR AUF REISEN

Schlesien ist mit kulturellen und landschaftlichen Höhepunkten reich gesegnet. Städte wie Breslau, Neisse oder Hirschberg faszinieren durch ihre Geschichte, historischen Bauwerke und das moderne pulsierende Leben. Wallfahrtsorte, Schlösser, Herrenhäuser und Burgruinen laden jeden Reisenden zur Besichtigung ein. HAUS SCHLESIEN versucht, mit einem wechselnden Reiseangebot den zahlreichen Sehenswürdigkeiten von Schlesien gerecht zu werden.
Studienreise 2026
Die Grafschaft Glatz als Musikland





HÖHEPUNKTE:
- kleine Konzerte in verschiedenen Orten
- Stadtführungen in Görlitz und Glatz
- Besuch des Klosters Grüssau
- fachliche Begleitung durch Dr. Inge Steinsträßer und Christoph Wurzel
DAS REISEARRANGEMENT BEINHALTET:
- alle örtlichen Führungen, Eintritte und Besichtigungen enthalten
- 6 x Abendessen oder Buffet im Hotel
- 1 x Übernachtung im Haus Schlesien
- 1 x Übernachtung mit Frühstück im 4* Romantik-Hotel Tuchmacher in Görlitz
- 4 x Übernachtung mit Frühstück im 3* Impresja Art Resort in Bad Reinerz
- 1 x Übernachtung mit Frühstück im 4* Victor´s Residenz-Hotel in Gera
- Transfers im komfortablen Bus ab-/an Königswinter, Dresden und Görlitz

Zeitraum: Donnerstag, 4.6. (Fronleichnam) bis Donnerstag 11.6.2026
Die ehemalige Grafschaft Glatz, heute meist Glatzer Land (Ziemia Kłodzka) genannt, nahm in der Geschichte Schlesiens immer eine Sonderstellung ein, nicht zuletzt durch ihre geografische Lage im Talkessel zwischen Schlesien und Böhmen, aber auch durch die im katholisch-kirchlichen Bereich jahrhundertalte Zugehörigkeit zum Erzbistum Prag (bis 1945/1972). Hier empfand man in der deutschen Zeit trotz der Bindung an Preußen immer noch mehr österreichisch-theresianisch als preußisch-friderizanisch. Die Nachwirkung ist bis heute spürbar.
Die zahlreichen Heilbäder, einst bekannt als „Gesundheitsbrunnen Deutschlands“, die einzigartige Lage innerhalb der umliegenden Berge, die malerische Landschaft und die zahlreichen sehenswerten Baudenkmäler, Kirchen, Klöster und Schlösser, bieten dem Besucher eine Fülle nachhaltiger Einblicke in die seit der Wende 1989/90 wiederauflebende Region.
Ausgehend vom Standort Bad Reinerz (Duszniki-Zdrój) besuchen wir u.a. den Hauptort Glatz (Kłodzko) mit seiner historischen Altstadt. Ausflüge führen zum kunstgeschichtlich bedeutenden Schloss Grafenort (Zamek w Gorzanowie), nach Habelschwerdt (Bystrzyca Kłodzka) und ins „Schlesische Jerusalem“ Albendorf (Wambierzyce). Die Wallfahrtskirche Maria Schnee (Kościół pielgrzymkowy Matki Boskiej Śnieżnej) bei Wölfelsgrund (Międzygórze) am Fuße des Glatzer Schneegebirges, die ihren Ursprung im steirischen Maria Zell hat, ist ein beredtes Zeugnis der sprichwörtlichen Volksfrömmigkeit des Glatzer Landes.
Den Bewohnern der Grafschaft wurde die Liebe zur Musik buchstäblich schon in die Wiege gelegt. Auf der Reise werden wir mit dem Glatzer Musikleben und dem Wirken von Glatzer Musikschaffenden vertraut gemacht. Frédéric Chopin und Felix Mendelssohn Bartholdy verbrachten als Teenager einige Zeit in Bad Reinerz. Wir lernen unter sachkundiger Leitung das verdienstvolle Wirken des Komponisten, Dirigenten und Publizisten Paul Preis (1900-1979) näher kennen, dem wir bereits am Eröffnungsabend im Haus Schlesien begegnen und der sich zeitlebens für die Pflege der Musiktradition der Grafschaft Glatz engagierte.
Die Reise bietet auf Hin- und Rückreise zwei attraktive Ziele, Görlitz als Tor nach Niederschlesien und Gera im Osten Thüringens mit seiner sehenswerten historischen Altstadt.
Mit Dr. Inge Steinsträßer und Christoph Wurzel begleiten zwei ausgewiesene Kenner diese gemeinsame Studienreise mit dem HAUS SCHLESIEN.
Reiseverlauf
Tag 1: Einführung im HAUS SCHLESIEN
Allen zeitig Eintreffenden bieten wir 16.30 Uhr eine Führung durch die Dauerausstellung im HAUS SCHLESIEN. Nach dem gemeinsamen Abendessen wird ein Bildvortrag in das Thema unserer Studienreise einführen. Das junge ALAFIA-Ensemble stimmt in einem Konzert auf die Grafschaft Glatz als Musikland ein. Auf dem Programm stehen eine Ouvertüre über Schlesische Heimatlieder und die Suite „Wunderland Schlesien“ des Glatzer Komponisten Paul Preis.
Tag 2: Willkommen in Görlitz
Unser bequemer Reisebus bringt uns vom HAUS SCHLESIEN Richtung Osten. Im komfortablen Romantik-Hotel „Tuchmacher“, direkt in der historischen Altstadt, warten unsere Zimmer und das Abendessen auf uns. Wer mag, spaziert im Anschluss über die Altstadtbrücke kurz auf die polnische Seite zum Wohnhaus von Jacob Böhme.
Tag 3: Eine der schönsten Städte Deutschlands
Görlitz gilt mit mehr als 4.000 größtenteils restaurierten Baudenkmälern als das flächengrößte Denkmalgebiet Deutschlands. Dass es die schönste Stadt des Landes ist, ist für die Görlitzer ohnehin klar. Wir unternehmen eine ausführliche Stadtbesichtigung und besichtigen auch die Kirche St. Peter und Paul, in der für uns die Sonnenorgel erklingen wird. Nach einer individuellen Mittagspause fahren wir über Silberberg in unser Hotel, Impresja Art Resort in Bad Reinerz/Duszniki-Zdrój. Vielleicht ist noch Zeit für einen kleinen Spaziergang durch den gepflegten Kurort. Einem gemeinsamen Abendessen schließt sich ein Vortrag zur Musikkultur in der Grafschaft an.
Tag 4: Unterwegs in Habelschwerdt
Bereits 1319 wurde Habelschwerdt/Bystrzyca Kłodzka in den Rang einer Königlichen Stadt erhoben, heute ist hier unser Tagesauftakt. In der bereits 1939 von Paul Preis gegründeten Musikschule erwartet uns ein Podiumsgespräch über deren Tätigkeiten damals und heute.
Nach einer Mittagspause geht es nach Mittelwalde, den Geburtsort des Malers Andreas Pausewang. Auch die Schiffs-Kanzel in der örtlichen Kirche lohnt einen Blick.
Die weitere Fahrt führt uns über Urnitz zur Wallfahrtskirche Maria Schnee auf dem Glatzer Spitzberg. Der Tag klingt mit einem Abendessen und einem Rundgang in Bad Altheide aus.
Tag 5: Chopin in Schlesien
Nach einem gemütlichen Frühstück spazieren wir gemeinsam durch Bad Reinerz und wollen auch das Chopin-Theater besichtigen (angefragt). Christoph Wurzel wird uns einiges über die Konzerte Chopins 1826 vortragen. In der Altstadt ist auch die
Stadtkirche mit der markanten Walfischkanzel von Interesse. Sollte Zeit bleiben, lohnt ein Blick in das Papiermuseum.
Die weitere Fahrt bringt uns nach Albendorf/Wambierzyce. Die dortige Basilika Mariä Heimsuchung ist der wichtigste Wallfahrtsort in der Grafschaft Glatz. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Albendorf wegen seiner religiösen Anlagen als „Schlesisches Jerusalem“ bezeichnet. Zum Nachmittagscafé machen wir Station im herrlich restaurierten Gutshof Kamnitz (Kamieniec).
Tag 6: Glatz und Grafenort
Heute starten wir mit einer Führung durch die Stadt Glatz/Kłodzko, die eine spannungsreiche Geschichte zwischen Böhmen und Schlesien hat. In der Pfarrkirche erleben wir die Orgel mit Musik schlesischer Komponisten.
Die zweite Tageshälfte widmen wir dem Schloss Grafenort/Pałac Gorzanów, eines der kunsthistorisch wichtigsten Schlossbauten der Grafschaft. Kulturell bedeutend war das Hoftheater, in dem Karl von Holtei zeitweise die Leitung innehatte.
Tag 7: Auf dem Weg zum Welterbe
Bevor wir wieder Deutschland erreichen, wollen wir heute Kloster Grüssau/Krzeszów besuchen. Grüssau zählt zu den bedeutendsten Barockanlagen Europas und ist für das UNESCO-Welterbe nominiert. Die Orgel der Klosterkirche erklingt für uns. Sie wurde von 1732 bis 1737 von Michael Engler dem Jüngeren gebaut, dem berühmtesten Vertreter einer Breslauer Familie von Orgelbauern. Nun fahren wir Richtung Deutschland, um am späten Nachmittag in Gera anzukommen.
Tag 8: Rückfahrt über Gera
Gera war bis 1920 Landeshauptstadt des Fürstentums Reuß und durch die Tuchindustrie zeitweise eine der reichsten Städte Deutschlands. Davon künden noch heute imposante Stadtvillen und prächtige Gründerzeitbauten. Nach einer Stadtführung fahren wir zurück nach Königswinter, das wir nach einem kurzen Stopp in Eisenach am frühen Abend erreichen.
Änderungen vorbehalten.
Leitung: Nicola Remig, HAUS SCHLESIEN, Dr. Inge Steinsträßer, Christoph Wurzel
Bei Rückfragen 02244 886 232.
Reiseagentur: Kulturwerk Mitteldeutschland
Hier geht es zur Online-Buchung.
Preis p.P. im Doppelzimmer 1.390,00 EUR
Preis p.P. im Einzelzimmer 1.575,00 EUR
Mitglieder des Vereins HAUS SCHLESIEN erhalten einen Rabatt, bitte geben Sie die Mitgliedschaft bei der Online-Buchung unter “Weitere Anmerkungen und Wünsche, Rabattcode” an.
Alternativ können Sie auch dieses Anmeldeformular ausfüllen und an den Reiseveranstalter Kulturwerk Mitteldeutschland senden (Adresse im Formular).
Bericht Beethovenreise 2022







Beethoven – die zweite!
„Auf den Spuren Ludwig van Beethovens in Böhmen-Mähren-Schlesien“
Kulturreise von und mit HAUS SCHLESIEN vom 8. bis 17. Mai 2022
Biografie und Werk Ludwig van Beethovens bildeten den Rahmen der gesamten Reise, eingebettet in eine wunderschöne Landschaft und in eine Vielfalt historischer Orte, die man von vornherein nicht unbedingt mit dem Komponisten in Verbindung bringen würde.
Ein musikalischer Einführungs- und Kennenlernabend am 8. Mai im HAUS SCHLESIEN steigerte die Vorfreude auf die Reise, nicht zuletzt durch die entzückenden kleinen Beethoven-Sonatinen für Mandoline und Klavier (WoO 44b, 43 b, 43 a), vorgetragen von der erst sechzehnjährigen Svenja Lienemann aus Hennef, begleitet von der Bonner Pianistin Liudmila Giovoina am Gerhart Hauptmann-Flügel.
Mit einem bequemen Bus von Decker-Reisen aus Königswinter starteten wir am nächsten Morgen erwartungsvoll in Richtung Dresden. In der sächsischen Residenzstadt hatte Beethoven 1796 bei Kurfürst Friedrich August III. eine Kostprobe seines Könnens am Piano gegeben, ehe er nach Leipzig und Berlin weiterreiste. Wir erlebten in Dresden eine hervorragende Stadtführung, die uns einen anschaulichen Überblick über das Musikschaffen am sächsischen Hof und einen Einblick in die wechselvolle Stadtgeschichte vermittelte.
Unsere nächste Station Oberglogau (poln. Głogówek) in Oberschlesien bewahrt mit dem jährlich stattfindenden Beethoven-Festival die Erinnerung an Beethovens Besuch im Jahre 1806 in Begleitung seines Hauptmäzens, Fürst Karl von Lichnowsky (1761-1814). Im örtlichen Museum, einer Partnerorganisation von HAUS SCHLESIEN, wurde uns durch den Leiter, Aleksander Devosques-Cuber, ein überaus herzlicher Empfang bereitet. Wir erlebten nicht nur eine interessante Führung durch das in Restaurierung befindliche Schloss und die Stadt, sondern nahmen in der prächtig ausgestatteten Stadtpfarrkirche St. Bartholomäus an einem eigens für uns vorbereiteten kleinen Orgelkonzert teil, ergänzt durch den klangvollen Gesang eines jungen Baritons.
Den Abend beschlossen wir in einem familiär geführten Hotel im oberschlesischen Neustadt (Prudnik), dicht an der Grenze zur Tschechischen Republik.
Am dritten Reisetag stand Jägerndorf (tschechisch Krnov), ein ehemals eigenständiges schlesisches Herzogtum, geprägt von den Fürsten von Liechtenstein, auf dem Plan. In Jägerndorf besuchten wir die Synagoge, durchwanderten die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges restaurierte Innenstadt mit Minoritenkirche, Stadtpfarrkirche St. Martin, der gotischen Heilggeistkirche, heute Konzertsaal und setzten uns auf die Spuren des Jugendstilarchitekten Leopold Bauer (1872-1938). Die Wallfahrtskirche zur Schmerzhaften Muttergottes auf dem die Stadt alles überragenden Hausberg Cvilín ließ etwas von der Volksfrömmigkeit vergangener Zeiten erahnen. Von weit her grüßte uns hier schon der Gipfel des Altvaters, begehrtes Ziel unseres späteren Erholungsausflugs ins Gebirge.
Für die nächsten Tage hatte erst einmal das Leben aus dem Koffer ein Ende. Im Hotel Koruna in Troppau (tschechisch Opava) checkten wir für vier Nächte ein. Ein ausgiebiger Stadtrundgang machte uns mit der einstigen Hauptstadt (bis 1918) des kleinsten österreichischen Kronlandes näher bekannt. Wir entdeckten zu unserer Freude auch die Beethovengasse, an deren westlichen Ende sich im ehemaligen Mutterhaus der Deutschordensschwestern das „Kirchliche Konservatorium des Deutschen Ordens“ (Církevní konzervatoř Německého řádu) befindet, wo wir in den Genuss eines unvergesslichen Beethoven-Konzertes durch Studierende und Dozenten kamen. Die vom kleinen Kammerchor in deutscher Sprache vorgetragene „Ode an die Freude“ ließ uns alle miteinstimmen und die Hoffnung aufkeimen, die Welt möge tatsächlich angesichts aller politischer Krisen eine bessere werden.
Schloss Grätz (Hradec nad Moravici) war für uns Beethoven-Reisende ein absolutes Muss: Hier verbrachte Beethoven nachweislich 1806 und 1811 mehrere Wochen auf Einladung von Karl Lichnowsky. Dem Fürsten hatte Beethoven u.a. seine 2. Sinfonie und die Klaviersonate Nr. 8 c-moll, op. 13, die „Pathétique“ gewidmet. Das Schloss, heute ein Museum, birgt viele Erinnerungen an die Familie Lichnowsky, die bis 1945 hier lebte.
Ein Highlight unserer Reise war eine Tagesexkursion nach Olmütz (Olomouc), in die frühere Hauptstadt Mährens. Wir streiften unter der kompetenten Leitung des städtischen Tourismusführers, Stefan Blaho, durch eine liebenswerte Stadt mit zahlreichen schönen Gebäuden, Plätzen zum Verweilen, einem umfassenden Kulturleben und vielen sehenswerten Sakralbauten, allen voran der gotische Wenzelsdom.
Mährisch-Schlesien mit etwas Wehmut verlassend, begaben wir uns im letzten Teil unserer Reise nach Teplitz (Teplice) in Nordböhmen. Ein Zwischenstopp beim Schloss Doudleby (Daudleb) an der Adler in Ostböhmen, seit Jahrhunderten im Besitz der Grafen von Bubna-Litic, brachte uns nicht nur eine Stärkung mit leckeren Buchteln und Kaffee, sondern auch eine Begegnung mit dem Schlossherrn Peter Dujka und vor allem mit seiner Schwester, Monica Bubna-Litic, die so vieles zum Gelingen unserer Reise beigetragen hatte.
In Teplitz, dem seinerzeit mondänsten Kurort Europas, begaben wir uns wiederum auf Beethovens Spuren. Hier hatte 1812 das legendäre Treffen zwischen Beethoven und Goethe stattgefunden. Von beiden Kunstschaffenden lange herbeigesehnt, führte es aber nicht zur erhofften Harmonie. Beethoven kritisierte das in seinen Augen unterwürfige Verhalten des Dichterfürsten dem anwesenden Adel gegenüber, Goethe empfand Beethoven als „eine ungebändigte Persönlichkeit“, die sich nicht um die üblichen gesellschaftlichen Umgangsformen scherte.Hier in Teplitz hatte das hiesige Konservatorium für unsere Gruppe wiederum ein begeisterndes Beethoven-Konzert arrangiert, welches dem von Troppau in nichts nachstand.Unser Abendessen nahmen wir im Café Beethoven ein, ehemals Gasthof „Zur Harfe“, wo Beethoven bei seinem Aufenthalt 1812 logiert hatte. Das Geheimnis um den berühmten Brief Beethovens an seine „unsterbliche Geliebte“, von Solveig Palm anschaulich in Auszügen aus ihrem Bühnenstück „Es musste sein – fast eine Liebesgeschichte“ (2020) geschildert, ergänzt durch die Komposition „Andante favori“ (WoO 57), ließ sich jedoch bei allen lebhaften Spekulationen um die Identität der Unbekannten nicht lüften. Beethoven nahm das Geheimnis mit ins Grab!
Beethovens 2. Sinfonie begegnete uns am vorletzten Reisetag noch einmal am Beethovendenkmal in Karlsbad. An seinen Freund Franz Gerhard Wegeler hatte der Komponist am 16. November 1801 während der Arbeit an diesem Werk geschrieben: „Ich will dem Schicksaal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht“. Auf einem der Reliefs am Karlsbader Denkmal finden sich diese bemerkenswerten Worte wieder. In der Literatur wird die Entstehung der 2. Sinfonie als ein wichtiges Zeugnis für die inneren Kämpfe Beethovens gewertet, als seine fortschreitende Ertaubung immer deutlicher wurde.
Karlsbad und Franzensbad in Westböhmen als bekannte historische Kurorte im Dreibädereck, setzten zwei großartige Schlusspunkte unseres Beethoven-Memorial. Die gesamte Exkursion, voller intensiver Eindrücke und Erlebnisse, bleibt allen Mitreisenden in bester Erinnerung.
Inge Steinsträßer


