TAGUNGEN

Den Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland und Polen kommt im Bereich der Verständigungsarbeit eine wichtige Rolle zu und gerade durch den binationalen Austausch kann der Blick für die sensiblen und spannungsreichen Aspekte in der deutsch-polnischen Geschichte geschärft werden. HAUS SCHLESIEN versucht hier mit seinen Tagungs- und Seminarangeboten einen Beitrag zu leisten.
OMA KOMMT AUS SCHLESIEN

Ein Seminar für die Kinder und Enkel der Vertriebenen und alle Interessierten
TERMIN: Samstag, 24. und Sonntag, 25. Oktober 2026
ORT: HAUS SCHLESIEN, Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter
Herkunftsgeschichten bewegen Familien – bis heute sind Fluchtschicksale dabei von großer Aktualität. Fragen nach Herkunft, Heimat und Identität sind jedoch selten eindeutig zu beantworten, besonders dann, wenn ein Teil der Vorfahren aus einer anderen Region kam. Mehr als 25 Prozent der Deutschen geben an, dass sie selbst oder ein Familienmitglied zu den deutschen Heimatvertriebenen zählen. Aufgewachsen mit den Geschichten „aus der Heimat“ oder auch nur mit einem undefinierbaren Gefühl, nicht hierher zu gehören: Viele Kinder und Enkel tragen an der Last der Erinnerungen und den Traumata der vertriebenen Vorfahren. Die Erfahrungen der Erlebnisgeneration haben ihre Spuren hinterlassen und prägen oft unbewusst bis heute ihr Leben und ihre Familien. Auch wenn sie bereits in der „neuen Heimat“ geboren wurden und keine eigenen Erinnerungen an Schlesien haben, übertrugen sich die Fluchterfahrungen und das Fremdheitsgefühl der Eltern auf die Nachkommen. Die aus der Erfahrung der Entwurzelung heraus entwickelten Verhaltensweisen und Ängste haben sich teilweise bis in die Enkelgeneration „vererbt“.
Das Seminar von HAUS SCHLESIEN mit finanzieller Förderung durch den Kulturreferenten für Oberschlesien behandelt exemplarisch anhand der erzwungenen Fluchtsituation aus Schlesien Erfahrungen und Erkenntnisse zum Umgang mit Flucht und Vertreibung in den Familien. Einführende Fachvorträge von Wissenschaftlern und Autoren befassen sich mit ganz unterschiedlichen Aspekten und legen eine fundierte Grundlage für die jeweils anschließenden Gesprächsrunden, in denen die Teilnehmer*innen die Thesen diskutieren und eigene Erfahrungen und Eindrücke austauschen können. Neben der Möglichkeit, anhand des vermittelten Wissens die Situation der Erlebnisgeneration aber auch die eigenen Erfahrungen nachvollziehen und einordnen zu können, soll vor allem der Austausch untereinander dazu beitragen, die individuelle Familiengeschichte aufzuarbeiten, sich mit den Gefühlen von Heimatlosigkeit auseinanderzusetzen und eigene Verhaltensmuster zu verstehen.
ANMELDUNG
Die Plätze werden strikt nach Eingang der Anmeldungen vergeben. Nach Bestätigung Ihrer Anmeldung wird die Rechnung gestellt. Erst mit fristgerechtem Eingang des Teilnahmeentgelts ist Ihre Teilnahme verbindlich.
Anmeldung unter 02244 886 231 oder kultur@hausschlesien.de
ENTGELT
Teilnahmegebühr: 155 € pro Person (1 Übernachtung mit Frühstück, 1 Mittag- und 1 Abendessen, Pausenversorgung mit Kaffee, Mineralwasser, Gebäck) zzgl. Beherbergungssteuer, ohne Übernachtung 100 € pro Person, für Mitglieder des Vereins HAUS SCHLESIEN 135 €/90 €.
PROGRAMM „OMA KOMMT AUS SCHLESIEN“ 2026 im HAUS SCHLESIEN
SAMSTAG, 24.OKTOBER 2026
14.00 Uhr Begrüßung und Einstieg in das Thema. Erwartungen der Teilnehmer an das Seminar
THEMA HEIMATVERLUST
14.30 Uhr Omas Weg nach Westen. Flucht, Vertreibung, Aussiedlung, Integration von 3,2 Mio. Menschen aus Schlesien 1945-1965
Prof. Dr. Winfrid Halder, Gerhart-Hauptmann-Haus, Düsseldorf
Anschließend Moderierte Gesprächsrunden mit Kaffee und Kuchen zum Thema Flucht, Vertreibung, Heimatverlust
THEMA FAMILIENGEDÄCHTNIS
16.30 Uhr Das Erbe der Vertreibung: Wie Kriegserlebnisse, Flucht und Heimatverlust drei Generationen prägen
Silke Findeisen, Dokumentations- und Informationszentrum im HAUS SCHLESIEN
Anschließend moderierte Gesprächsrunden zum Umgang in zweiter und dritter Generation mit dem Vertreibungsschicksal
19.00 Uhr Abendessen
Anschließend Möglichkeit zum individuellen Gesprächsaustausch und Ausklang
SONNTAG, 25. Oktober 2026
THEMA ERINNERUNG UND SPURENSUCHE
9.00 Uhr Führung durch die Dauerausstellung „Schlesische Erinnerungsorte“
Silke Findeisen, Dokumentations- und Informationszentrum im HAUS SCHLESIEN
10.30 Uhr Kaffeepause
11.00 Uhr Vorführung des Films „Kinder des Krieges“ der Breslauer Journalistin Joanna Mielewczyk und Gespräch mit dem Zeitzeugen und Protagonisten des Films Jürgen Hempel
Moderation Dr. Marcel Koschek, Dokumentations- und Informationszentrum im HAUS SCHLESIEN
Anschließend Diskussion im Plenum
12.30 Uhr Mittagessen
13.30 Uhr „Ich weigere mich zu vergessen – Wenn die Erinnerungen unserer Eltern zu unserer eigenen Geschichte werden“
Mike Herrling, Unternehmer und Autor
Anschließend moderierte Gesprächsrunden mit Kaffee und Kuchen zum Thema Erinnerungen und Spurensuche.
15.30 Uhr Abschlussdiskussion
Ende gegen 16.00 Uhr
OPA LEBT IN OBERSCHLESIEN / ALLES POLEN ODER WAS?!

Ein Seminar für Aussiedler, Spätaussiedler, deren Nachkommen und alle Interessierten im HAUS SCHLESIEN
TERMIN: 14. – 15. November 2026
Oberschlesien ist ein prägnantes Fallbeispiel für eine Region, in der Identität und Zugehörigkeit im steten Wechselspiel zwischen deutscher und polnischer Kultur ausgehandelt wurden und werden. Die damit verbundenen Fragen – das Aufwachsen mit hybriden Wurzeln, die Erfahrung von Migration und die Suche nach dem eigenen Platz in einer grenzüberschreitenden Biografie – betreffen viele Menschen, deren Lebenswege tief in dieser Gemengelage verwurzelt sind.
Das Seminar richtet sich daher vorrangig an alle Interessierten mit (familiären) Bezügen nach Oberschlesien, aber auch zu anderen Regionen im deutsch-polnischen Kontext. Die eingeladenen Referentinnen und Referenten werden sich während der zweitägigen Veranstaltung im Rahmen von Lesungen und Präsentationen aus unterschiedlichen Perspektiven mit Begriffen wie Identität, Integration, Familie und familiäre Wurzeln auseinandersetzen und mit den Teilnehmern über ihre eigenen Erfahrungen diskutieren.
Die Betroffenen besitzen heute einen ganz anderen Zugang zu diesem Thema als ihre Eltern oder Großeltern, die unter völlig anderen historischen und gesellschaftlichen Bedingungen aufwuchsen. Besonders für die Generationen X und Y, die in diesem deutsch-polnischen Umfeld groß geworden sind, stellt sich die fundamentale Frage: „Bin ich Deutscher, bin ich Pole, beides zugleich oder weder noch?“
Im Kern geht es hierbei um einen zentralen inneren Prozess: Die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft. Es geht darum, die eigene Prägung als unbestreitbaren Teil der Biografie anzunehmen und den selbstbewussten Schritt zum Bekenntnis zu wagen – als fester, selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft mit all den Facetten, die diese Herkunft bereithält.
Im Anschluss sind alle Teilnehmer herzlich eingeladen, in den Diskussionen ihre eigenen Erfahrungen zu teilen und die Beiträge durch ihre persönlichen Perspektiven zu bereichern.
ANMELDUNG
Die Plätze werden strikt nach Eingang der Anmeldungen vergeben. Nach Bestätigung Ihrer Anmeldung wird die Rechnung gestellt. Erst mit fristgerechtem Eingang des Teilnahmeentgelts ist Ihre Teilnahme verbindlich.
Anmeldung unter 02244 886 231 oder kultur@hausschlesien.de
ENTGELT
Teilnahmegebühr: 155 € pro Person (1 Übernachtung mit Frühstück, 1 Mittag- und 1 Abendessen, Pausenversorgung mit Kaffee, Mineralwasser, Gebäck) zzgl. Beherbergungssteuer, ohne Übernachtung 100 € pro Person, für Mitglieder des Vereins HAUS SCHLESIEN 135 €/90 €.
Bildnachweis: 1. SHOS/OSLM, M. Nonnenmacher, 2. Bundesarchiv, B 145 Bild-F079036-0033 / CC-BY-SA 3.0, Wiki Commons, 3. + 4. Sammlung HAUS SCHLESIEN.
Programm:
SAMSTAG, 14. November 2026
14 Uhr Begrüßung und Einstieg in das Thema. Erwartungen der Teilnehmer an das Seminar
Dr. Marcel Koschek, Leiter des Dokumentations- und Informationszentrums im HAUS SCHLESIEN
14:30 Uhr „Ich war schon immer Deutscher…oder!?“ Eine Suche nach nationaler und regionaler Identität eines in Deutschland geborenen Aussiedlerkindes
Florian Paprotny, Dokumentations- und Informationszentrum, HAUS SCHLESIEN, Königswinter
Der Vortrag beleuchtet das Thema regionaler und nationaler Identität aus der Perspektive eines in Deutschland Geborenen und Aufgewachsenen. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit einer eigenen Identitätsgeschichte – von der anfänglichen Ablehnung („Als Kind wollte ich einfach kein ,Pole’ sein“) über das stete Bewusstsein einer Andersartigkeit bis hin zu einem heute offenen und reflektierten Umgang damit. Schließlich widmet sich der Beitrag der Frage nach der Bedeutung einer gefühlten Zweitheimat, der Heimat der eigenen Eltern.
16:30 Uhr Vertriebene, Aussiedler, Spätaussiedler, Aussiedler 2.0 in Deutschland – zwischen Identitätskrise und Integration?
Dr. David Skrabania, Oberschlesisches Landesmuseum, Ratingen
Skrabania widmet sich in seinem Vortrag dem Thema Vertreibung und Aussiedlung aus einer fundierten, historisch-sachlichen Perspektive. Dabei beleuchtet er nicht nur die rechtlichen und historischen Rahmenbedingungen, sondern geht auch auf zentrale Herausforderungen wie Integrationsschwierigkeiten sowie Identitäts- und Sprachfragen ein. Ein umfassender Überblick über die Migration aus Oberschlesien und dem östlichen Europa seit 1945 rundet den Beitrag ab.
18 Uhr Abendessen
19 Uhr „Vom Fällen eines Stammbaums“ – Deutsch-polnisches Coming-of-Age, Traumata und Identitätsverarbeitung
Eine Lesung mit Martin Piekar, Frankfurt am Main
Der Jungautor Martin Piekar bringt eine andere Perspektive ein: Der 1990 in Bad Soden am Taunus geborene Schriftsteller hat keine oberschlesischen Wurzeln, sondern stammt aus einer Familie mit Wurzeln in Białystok (Ostpolen). Seine enge Verbindung zu dieser Stammregion ist stark mit der Biografie seiner Mutter verknüpft. Diese Thematik verarbeitet er in seinem 2026 erschienenen Roman, dessen Entstehung eng mit der (Wieder-)Entdeckung Polens und der polnischen Sprache verbunden ist.
SONNTAG, 15. November 2026
9 Uhr „Schlesische Erinnerungsorte“ – eine Führung durch eine multiperspektivische Dauerausstellung rund um eine Grenzregion
Adam Wojtala, Dokumentations- und Informationszentrum, HAUS SCHLESIEN, Königswinter
Eine Führung durch die zweisprachige Ausstellung „Schlesische Erinnerungsorte“ im Haus Schlesien hilft dabei, die eigene Identität im deutsch-polnischen Spannungsfeld besser zu verstehen. Die Ausstellung bricht starre Grenzen zwischen „deutsch“ und „polnisch“ auf und zeigt, wie vielschichtig eine Biografie in dieser Region sein kann. Das eigene Gefühl einer doppelten oder gefühlten Heimat wird greifbar und verständlich. Deutsche und polnische Perspektiven stehen einander gegenüber: So wird Schlesien von einem Streitobjekt zu einem gemeinsamen Erinnerungsraum, in dem die Besucher die eigene Geschichte ganz offen und ohne feste Schubladen betrachten können.
11 Uhr „Teschener Geschichten“. Über die Identität eines Kulturmosaiks an der Olsa
Bartholomäus Fujak, Internationales Bildungs- und Begegnungswerk, Dortmund
Der Referent nimmt die Besucher mit in eine ganz besondere Grenzregion an der Olsa, in der tschechische, polnische und deutsche Einflüsse über Jahrhunderte hinweg ein faszinierendes Kulturmosaik gebildet haben. Geprägt durch historische Brüche, sprachliche Vielfalt und eine starke regionale Verbundenheit unterscheidet sich dieser Landstrich spürbar von seiner Umgebung. Im Vortrag geht es um das alltägliche Zusammenleben verschiedener Kulturen, das Erbe einer bewegten Vergangenheit und die Frage, wie sich eine solch vielschichtige Identität im Herzen Europas bis heute behauptet und weiterlebt.
13 Uhr Mittagsessen
14:30 Uhr „Grenzüberschreitende Schlesier: Migration, Familiennetzwerke und Identifikationen im Wandel“
Dr. Marcel Koschek, Dokumentations- und Informationszentrum, HAUS SCHLESIEN, Königswinter
Der Vortrag zeigt, dass die Migration aus Oberschlesien nach Westdeutschland häufig bestehenden familiären und örtlichen Verbindungen folgte. Persönliche Beispiele des Referenten verdeutlichen, wie solche Netzwerke bereits seit dem späten 19. Jahrhundert entstanden und über politische Grenzen hinweg fortbestanden. Ausgehend von der eigenen Familiengeschichte wird die oberschlesische Herkunft dabei auch historisch betrachtet. Anschließend geht es um die Entwicklung der deutschen Minderheit seit 1989, den Generationenwechsel und die wachsende schlesische Identifikation. Den Abschluss bilden aktuelle Diskussionen über den Unterricht in Deutsch als Minderheitensprache und die Anerkennung des Schlesischen als Regionalsprache.
16 Uhr Abschlussdiskussion
Rückblick "Zweitrangig? Konrad Adenauers Ostpolitik"

Ein Seminar zum 150. Geburtstag Konrad Adenauers (1876-1967)
Kooperationsprojekt: Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, HAUS SCHLESIEN und Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus
Mehr Infos zum Jubiläum und weitere Veranstaltungen: www.150-jahre-adenauer.de
Foto: Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau 1955
Bundesarchiv, Bild 146-1989-101-01A / CC-BY-SA 3.0
Rückblick zur Veranstaltung (4. & 5. Februar 2026)
Hat Konrad Adenauers außenpolitische Westausrichtung den deutschen Osten links liegen lassen oder gar aufgegeben? Wie war sein Blick auf die Zukunft der früheren deutschen Ostgebiete, auf die Wiedervereinigung und mögliche Schritte, sich dafür mit den Alliierten zu verständigen? Das Seminar widmete sich unter Leitung von Prof. Dr. Winfrid Halder von der Stiftung Gerhart Hauptmann-Haus Düsseldorf ausführlich den ersten Jahren der neu gegründeten Bundesrepublik und seinem ersten Kanzler Konrad Adenauer.
Halder widmete sich zunächst der Biografie Adenauers, den fünf zeitgeschichtlichen Abschnitten eines langen Lebens, seinem familiären Hintergrund, seiner Sozialisation im Deutschen Kaiserreich und vor allem seinem Aufstieg als Oberbürgermeister von Köln (1917-1933) und den Errungenschaften, die der Stadt nach dem Ersten Weltkrieg zugutekamen und bis heute im Stadtbild von Köln nachwirken. Als Zentrumspolitiker und Präsident des Preußischen Staatsrates machte er sich auch über Köln hinaus einen Namen und war in der Weimarer Republik mehrfach im Gespräch für das Amt des Reichskanzlers. Auf Grund seiner Gegnerschaft zum NS-Regime aller politischen Ämter beraubt, trat er 1933 den leidvollen Weg in die innere Emigration an, mehrfachen Wohnortwechseln und Verhaftungen durch die Gestapo ausgesetzt . 1945 begann seine politische Tätigkeit erneut, zunächst als OB von Köln, dann im neu geschaffenen Land Nordrhein-Westfalen als Verfechter eines Zusammengehens beider großen Konfessionen in der CDU. Adenauer ging als Kanzler „in kleinen Bewegungen“ auf die Westalliierten zu und legte so die Grundlage für ein Vertrauensverhältnis. Durch das Konzept der sozialen Marktwirtschaft und das einsetzende „Wirtschaftswunder“ konsolidierten sich die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die Integration der 8 Millionen Ostvertriebenen war dadurch enorm erleichtert. Das Ziel der Wiedervereinigung verlor Adenauer niemals aus dem Auge, wählte aber als Realpolitiker den Weg des Machbaren. Er ebnete so den Weg nach Europa mit der Vision, zu einem späteren Zeitpunkt auch den Ländern hinter dem „Eisernen Vorhang“ eine Teilhabe zu ermöglichen.
Referent Dr. Christopher Beckmann nahm eine interessante Gegenüberstellung der Akteure der ersten Stunde in beiden deutschen Staaten nach 1949 vor: Konrad Adenauer und Wilhelm Pieck. Beide kamen aus kleinen Verhältnissen, beide aus streng katholischen Familien. Adenauer blieb Zeit seines Lebens bekennender praktizierender Katholik, Pieck schloss sich nach seiner Tischlerlehre der Arbeiterbewegung an, zunächst in der SPD, später beim Spartakusbund und schließlich in der KPD. Während der Weimarer Republik war er KPD-Funktionär, auch Abgeordneter des Preußischen Staatsrates, wo er Adenauer als dessen Präsident erlebte. Nach der Machtergreifung Hitlers floh Pieck nach Paris und hielt sich seit 1935 als Emigrant in Moskau auf. 1943 gehörte er zu den Initiatoren des „Nationalkomitees Freies Deutschland“. Mit der Gruppe Ulbricht kehrte er im Juli 1945 nach Berlin zurück und forcierte hier 1946 die Zwangsvereinigung der SPD und KPD zur SED, wo er mit Otto Grotewohl zum Vorsitzenden avancierte. Nach Gründung der DDR blieb er bis 1960 deren erster und einziger Präsident. Adenauer und Pieck waren beide Gegner des Nationalsozialismus. Während Adenauer jedoch überzeugter Vertreter der parlamentarischen Demokratie war, setzte sich Pieck für das System eines kommunistischen Staates mit Einparteienanspruch ein. Als Staatspräsident wurde er in der DDR bewusst als „Vaterfigur“ aufgebaut, um den Anschein eines demokratischen Systems zu erwecken. In beiden Biografien zeigen sich bei allen Unterschieden der Personen alle Widersprüche und Verwerfungen der Zeitabschnitte vom Kaiserreich bis zur Neuordnung Deutschlands in West und Ost nach 1945.
Halder referierte anschließend mit Unterstützung von Dr. Guido Hitze über Adenauers Konzept der Westintegration. Im Vordergrund stand die Abhängigkeit der jungen Bundesrepublik vom Besatzungsstatut. Noch war die volle Souveränität des neuen Staates nicht hergestellt, so dass alle getroffenen Entscheidungen vom Willen der drei Westmächte abhingen. Im Zuge des Kalten Krieges war man in Washington, London und Paris dringend auf Westdeutschland angewiesen. Adenauer erkannte die strategische Situation klar und versuchte nach dem Prinzip der kleinen Schritte, eine Kooperationsbasis herzustellen und Zuverlässigkeit zu bekunden. Adenauers „Fiebertraum“ war die Vorstellung von sowjetischen Panzern am Rhein. Es könne ein Rückzug der Amerikaner aus Europa erfolgen und dieses bliebe schutzlos zurück. Daher forderte er 1955 die Mitgliedschaft in der NATO, nachdem die Europäische Verteidigungsgemeinschaft 1953/54 an Frankreich gescheitert war. Aus diesen Überlegungen forcierte er einen gemeinsamen europäischen Markt mit ersten Schritten in die Montanunion, den Deutschlandvertrag von 1952 und 1955 und die Verständigung mit Frankreich. Seine Überlegungen als Pragmatiker lauteten: Was ist möglich, was nicht!
Über Hans Lukaschek, einen fast vergessenen Politiker der ersten Stunde mit oberschlesischen Wurzeln, referierte Dr. Guido Hitze. Lukaschek war bereits mit Adenauer im Preußischen Staatsrat bekannt, beide als Vertreter des Zentrums. Lukaschek besaß als studierter Verwaltungsjurist reichliche Erfahrungen in der Kommunalpolitik, u.a. als Oberbürgermeister von Hindenburg O.S. und als Oberpräsident der preußischen Provinz Oberschlesien. Als Mitglied des Kreisauer Kreises war er nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 inhaftiert. Nach 1945 wurde Lukaschek Mitbegründer der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone. Nach seiner Übersiedlung in den Westteil Deutschlands, war er von 1949 bis 1953 Bundesminister für Angelegenheiten der Vertriebenen in der ersten Regierung Adenauer.
Zentrale Frage für Adenauer war die Versorgung und Integration der Vertriebenen. Lukaschek war für ihn hier der richtige Mann: Er genoss unter den Vertriebenen hohes Ansehen, galt als verbindlich und war im Vergleich zu anderen Vertriebenenfunktionären kein Polemiker. Durch das Lastenausgleichsgesetz von 1952 und das Bundesvertriebenengesetz (BVFG) von 1953 sollten zudem die Bildung und das kulturelle Erbe gefördert werden (§ 96). Um den rechtsstehenden BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) loszuwerden – Realpolitik siegte vor Moral – wurde Lukaschek 1953 abgelöst und der BHE allmählich von der CDU „aufgesaugt“. Auch bei den folgenden Kabinettbildungen bemühte sich Adenauer um ein ausgewogenes Verhältnis von west- und ostdeutschen Kandidaten.
Am zweiten Tag wurde das Seminar ins Bundeskanzler Adenauer-Haus nach Rhöndorf verlegt. Nach der Begrüßung durch Dr. Sabine Schößler von der Stiftung Bundeskanzler Adenauer-Haus referierte Dr. Holger Löttel, ebenfalls Mitarbeiter der Stiftung, zur Ostpolitik Adenauers. Im Mittelpunkt stand Adenauers Reise nach Moskau vom 8. bis 14. September 1955. Löttel stellte den Besuch in Moskau vor dem Hintergrund der damaligen weltpolitischen Lage dar. Nach dem Tode Stalins 1953 verließ die neue Führung der Sowjetunion ihre gesamtdeutschen Lösungsvorschläge unter der Bedingung politischer Neutralität und pochte nun auf eine Zweistaatenlösung. An einer Kontaktaufnahme mit der Bundesrepublik war man trotzdem interessiert. So kam es zur überraschenden Einladung Adenauers nach Moskau, für diesen eine „Reise ins Ungewisse“. Die sorgfältige Auswahl der deutschen Delegation, unter Einbeziehung der oppositionellen SPD ließ auf Umsicht und Taktik schließen. Ziel war vor allem die Forderung nach Wiedervereinigung, die Rückkehr der noch in der SU festgehaltenen 10.000 deutschen Kriegsgefangenen und 20.000 verschleppten Zivilpersonen sowie im Gegenzug Verhandlungen über diplomatische Beziehungen ohne den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik aufzugeben (Hallstein-Doktrin). Gegenspieler in Moskau waren Ministerpräsident Nikolai Bulganin, Nikita Chruschtschow als KPdSU-Generalsekretär und Wjatschelaw Molotow als Außenminister.
Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1989/1990 erfüllte sich auch die Vision der Wiedervereinigung auf der Basis einer soliden Einbindung in das westliche Bündnis. Adenauers Politik hatte auf Entschlossenheit und im Verbund mit den Westmächten auf Abschreckung gesetzt, war aber auch offen für Abrüstung und Entspannung.
Inge Steinsträßer


